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Wahlprogramm
05Jan

Grünzeug am Mittwoch 048/049: Verfahren in Software gegossen

Diesmal mal als Doppelnummer in Überlänge …

Heute stand bei heise, dass der Berliner Landesverband der PIRATEN mit der Software LiquidFeedback das Konzept der „Liquid Democracy“ (mehr hier) in Software gießen und als Tool zur Vorbereitung von Parteitagen und Abstimmungen ausprobieren möchte.

Ich habe mir das Tool mal kurz angeschaut, natürlich mit dem Blick darauf, ob es zur Vorbereitung grüner Parteitage tauglich wäre. Bisher bin ich eher skeptisch – zum einen wirkt einiges am Interface noch nicht so ganz ausgereift. Das größere Problem sehe ich aber darin, dass hier letztlich der komplette Vorlauf der Antragsstellung fast 1:1 in Software umgesetzt wird (statt Komplexität zu reduzieren, wird Komplexität abgebildet), und dass insbesondere die Grundidee der jederzeit beendbaren themenspezifischen Delegation sich mit dem status quo grüner Antragserstellungsverfahren beißt. Die Hürden für dieses Tool sind also technisch wie politisch hoch.

Was aber wäre notwendig, um den Prozess z.B. der Erstellung eines Landtagswahlprogramms partizipativer zu gestalten? Das letztlich von einem Parteitag beschlossene Programm ist ein Text. Auch Änderungsanträge sind ausformulierte Texte (und manchmal wird dann um das sprichwörtliche Komma gerungen). Sie werden von einer offenen Gruppe von AntragstellerInnen eingebracht. Ein Tool zur gemeinsamen Arbeit am Programmtext müsste demnach den Erstentwurf oder zumindest eine thematische Gliederung anzeigen. In einer zweiten Spalte müsste es dann möglich sein, mit Bezug auf bestimmte Textteile des Originals in Gruppen an Alternativtexten zu arbeiten, zu kommunizieren (Forum/Chat) und Entscheidungen zu treffen. Fertige Änderungsanträge mit genügend UnterstützerInnen können dann „eingefroren“ werden – und würden an der passende Stelle im Erstentwurf als solche angezeigt. Wie und für wen der Diskussionsprozess sichtbar ist, müsste diskutiert werden.*

Ich bin mir ziemlich sicher, dass es genau dieses Tool bisher nicht gibt, die einzelnen Bestandteile existieren aber bereits (und notfalls kann auch ein für das Verfahren überhaupt nicht passendes Tool – wie z.B. ein Wiki, ein Forensystem (wie der Virtuelle Parteitag 2000) oder auch ein Blog – entsprechend umgenutzt werden, wenn die Software nicht zu viele „technische“ Einschränkungen macht). Es gibt Versionsverwaltungen, es gibt kooperative Texteditoren, es gibt mitgliedsorientierte Web-2.0-Tools. Es gibt Abstimmungstools und Chats. Wenn Wurzelwerk so toll wäre, wie es sein könnte, würde es ein Tool zur antragsorientierten Textarbeit anbieten. Tut es aber nicht, und die Nutzungshürden für das Wurzelwerk erscheinen mir auch zu groß, um darauf aufzubauen.

Als Fazit: 1. Liquid Feedback ist zu sehr einem bestimmten Konzept von Demokratie verschrieben, um aktuell sehr nützlich zu sein. 2. Ein technisches System sollte kein bestimmtes Verfahren vorschreiben, um sich auf Anträge zu einigen. 3. Programmerstellung ist Textarbeit – im Kern geht es darum, unterschiedliche Änderungsvorschläge zu einem (langen) Text zu verwalten – und dafür ein möglichst hürdenfreies System bereit zu stellen. 4. Anträge müssen weiterhin auch „klassisch“ stellbar sein. 5. Ein solches System sollte nicht auf einen bestimmten Parteitag zugeschnitten sein, sondern Programmtexte jeder Art in definierten Zeiträumen bearbeiten können.
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* Um es nochmal plastisch zu machen: Ausgangspunkt ist ein existierender Text, z.B. ein Kapitel zur Verkehrspolitik. Dort steht beispielsweise drinne, dass Stuttgart 21 weiterhin abgelehnt wird. Irgendwer sieht das anderes und macht den Vorschlag, über den Absatz Stuttgart 21 mit dem Ziel zu diskutieren, eine neutrale Position einzunehmen. Er oder sie richtet also eine „ÄnderungsantragsstellerInnen-Gruppe“ zu diesem Absatz ein. In der Gruppe wird per Forum, Chat und Multipersonentexteditor ein Änderungsantrag entworfen und solange darüber diskutiert und daran gefeilt, bis er fertig erscheint. Die Gruppe – zu der im Prozess weitere Aktive zustoßen können (und zwar per Mausklick, ohne kompliziertes Prozedere) – signalisiert (nach einer mehr oder weniger formalisierten Abstimmung), dass der Änderungsantrag fertig ist. Im Haupttext zur Verkehrspolitik steht am Rand am Anfang des Absatzes zu Stuttgart 21 nun ein Kästchen „Ä-350-3″, dass beim Anklicken den Änderungsantrag anzeigt, und Unterstützung bzw. Kommentare dazu zulässt.


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08Sep

Grünzeug am Mittwoch 031: Das Wichtigste in Kürze

Vom Wahlprogramm existiert eine Ultrakurzfassung „10 für 09″:

Wer grün wählt, stimmt:

  1. Für eine Million neue Jobs in Klimaschutz, Umwelttechnik, Bildung, Sozialem, Gesundheit und Pflege in den nächsten vier Jahren.

  2. Für konsequenten Klima- und Umweltschutz, Begrenzung der Erderwärmung auf höchstens zwei Grad.
  3. Für mehr soziale Gerechtigkeit durch Mindestlöhne nicht unter 7,50 Euro, Anhebung des Arbeitslosengeldes II auf vorerst 420 Euro, eine Bürgerversicherung im Gesundheitssystem.
  4. Für mehr Einsatz gegen Hunger und Armut in der Welt durch gerechte Globalisierung, fairen Handel und eine bessere Entwicklungszusammenarbeit.
  5. Für Atomausstieg, Abschaltung von sieben Atomkraftwerken, 100% Umstieg auf Erneuerbare Energie und Energieeinsparungen.
  6. Für gleichen Lohn für gleiche Arbeit und mehr Frauen in Führungspositionen.
  7. Für längeres gemeinsames Lernen in Schulen, gleiche Bildungschancen für alle Kinder und gegen Studiengebühren.
  8. Für den Schutz der Privatsphäre, gegen Schnüffelstaat und Schnüffelwirtschaft. Für die Freiheit des Internets, für das Ende der Speicherung von Daten auf Vorrat und Verdacht.
  9. Für starke Verbraucherrechte, gegen Gentechnik auf Tellern und Äckern.
  10. Für eine friedliche Welt ohne Atomwaffen, bessere Konfliktprävention und zivile Konfliktlösung. Gegen die Wehrpflicht.

Naturgemäß fehlen in der Liste viele Punkte aus dem Wahlprogramm (Sanktionsmoratorium, BA/MA-Kritik, Beruf Wissenschaft, Bürgerrechtspartei, …).

Offen bleibt: Sind die Listenpunkte grüne Alleinstellungsmerkmale? Sind sie schlicht progressiver Konsens? Und was könnte bei grüner Regierungsbeteiligung tatsächlich umgesetzt werden?


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29Apr

Grünzeug am Mittwoch 012: Verfahrensmacht und Demokratiedilemma

Wer sich nicht für interne demokratietheoretische Überlegungen interessiert, muss nicht weiterlesen. Am zweiten Maiwochenende findet der nächste grüne Bundesparteitag („Bundesdelegiertenkonferenz“, kurz BDK) statt. Und wie jeder Programmparteitag stellt er die Partei vor ein Demokratiedilemma. Die BDK entscheidet über das Bundestagswahlprogramm. Egal, welcher Stellenwert einem solchen Programm beigemessen wird – Werbematerial für WählerInnen, Leitlinie der politischen Arbeit bis hin zu Koalitionsverträgen, zynische Makulatur – bleibt es doch die zentrale inhaltliche Positionierung der Partei.

Das wiederum bedeutet bei Grünen – anderswo auch? – dass das Programm heftig umkämpft ist. Die Bundesarbeitsgemeinschaften schlagen viele Änderungen zum Entwurf des Bundesvorstands vor. Ebenso haben viele Einzelpersonen Änderungsanträge gestellt. Ein Teil davon ist grüne Pedanterie. Ein Teil ist der Kampf um Kürze vs. Vollständigkeit. Und dann gibt es eine ganze Reihe tatsächlich kontroverser Fragen. Insgesamt dürften an die 1000 Änderungsanträge entstanden sein. Damit sind wir beim Dilemma: 1000 Einzelabstimmungen dauern etwa zwei Tage ohne jede Rede oder Pause: nicht machbar! Die Verfahrensmacht – was wird abgestimmt, was übernommen, was fällt weg – liegt damit bei der Antragskommission. Und bei denen, die dort um ihre Anträge kämpfen. Demokratisch ist das nicht, aber die Zeit für mehr Demokratie ist nicht vorhanden. Was fehlt: eine Idee, beides zu versöhnen.


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25Mrz

Grünzeug am Mittwoch 007: Wortwolke

gruene-btw-09

Meine selbstgesetzte Begrenzung interpretiere ich diesmal ein bißchen anders: oben dargestellt sind die 200 häufigsten Wörter (Wortwolke mit wordle.net generiert; CC-BY-Lizenz, anklicken für volle Größe) aus dem Entwurf des grünen Bundestagswahlprogramms, der auf der überraschend neugestalteten Website der Bundespartei zur Diskussion steht. Das ist übrigens ernst gemeint: wer sich bei MeineKampagne anmeldet, darf dort eifrig kommentieren.

Was sagen uns die 200 häufigsten Wörter? Passend zu „WUMS“ stehen die „Menschen“ ganz groß da. „Umwelt“, „Klimaschutz“ und die verschiedenen Varianten von „grün“ zerfasern sich dagegen in Details. Was ist mit den Menschen? Hier wird die Wortwolke etwas kryptisch: „Deshalb müssen neue Menschen mehr brauchen“? Oder geht’s schlicht darum, dass wir „mehr neue Menschen brauchen“, um die Wahl zu gewinnen? Jedenfalls scheint mir „mehr Neues“ das zentrale Wahlkampfthema zu werden.

Weitere wichtige Wörter aus der Wolke: „Gerechtigkeit“ und „Freiheit“, „Bildung“ und „Kinder“, „Frauen“, „Arbeit“ und „Unternehmen“. Wir stellen uns also thematisch breit auf, aber groß im Mittelpunkt steht der Mensch. Und im Sinne des „green new deal“ heißt das eben auch, Umwelt und Wirtschaft(skrise) – „Krise“ übrigens nur im Mittelfeld –, Bildung und Gerechtigkeit, Arbeit und Kinderkriegen, Männer und Frauen zu versöhnen. Wolkiges Geblubber? Wer’s genauer wissen will, muss den m.E. recht gelungenen Programmentwurf selbst lesen.


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25Feb

Grünzeug am Mittwoch 003: Programmatik

200 Wörter über … das liebste Spiel der Grünen, die Koalitionsdebatte (jetzt neu: inkl. Facebook-Gruppe a, b und c)? Den politischen Aschermittwoch (war nie dort, ist nicht mein Ding)?

Nein. Heute: wie entsteht eigentlich ein Wahlprogramm?

Im kleineren Kreisverband: ein paar Leute – Fraktion, Vorstand – treffen sich mehrfach, schauen ins alte Programm, diskutieren über Tonfall und Hauptforderungen, irgendwer schreibt den Entwurf, es wird mehr oder weniger chaotisch daran gearbeitet und irgendwann abgestimmt.

Im größeren Kreisverband: ordentliche Auftakt-Sitzung, Unterarbeitsgruppen für einzelne Felder, in denen vor allem (künftige) Mitglieder der Stadtratsfraktion sitzen, tagen, diverse Entwürfen, auch im Wiki – schließlich die Abstimmung.

Bei der Bundespartei: eine Schreibgruppe aus FraktionsmitarbeiterInnen und anderen renommierten ThesendrescherInnen erhält vom Vorstand den Auftrag, einen Entwurf (50 Seiten) vorzulegen. Diverse Menschen, u.a. aus den Bundesarbeitsgemeinschaften (BAGen), machen schon vorher Vorschläge, was alles im Programm drinne stehen könnte. Mit etwas Glück – so dieses Jahr – wird nicht nur im Parteirat, sondern etwas breiter vordiskutiert: der Entwurf geht an Bundevorstand, Landesvorsitzende, Fraktionen, BAGen; schön der Reihe nach dürfen diese dann Änderungswünsche anbringen und Kritik äußern. Die Schreibgruppe geht drüber, der neue Entwurf wird parteiöffentlich gemacht (bald). KVs, BAGen, LVs, je 20 Mitglieder schreiben 1000 Änderungsanträge, ein Bundesparteitag samt Antragskommission entscheidet (Mai 2009). Fertig ist das Wahlprogramm. Und wer liest’s?


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