Vor 30 Jahren wurden die Grünen gegründet. Meine Eltern waren mit dabei. In diesem Grünzeug am Mittwoch gibt’s deswegen (auf Anregung von Wolfgang Wettach) drei Fragen an meinen Vater, Manfred Westermayer. Und ganz im Stil der Zeit (randlose, eng bedruckte Flugblätter mit ausführlichen Fussnoten) ist’s ein kleines bißchen länger geworden.
Wie war das, als der KV Tübingen gegründet wurde? Was für Leute haben da eine neue Partei ins Leben gerufen?
Die Vorgeschichte begann circa 1970. In den Freiburger Thesen der FDP hieß es, Umwelt schützen nützt dem Menschen. Auch die Atomenergie war ein Thema für die Gründung des BfU (Bund für Umweltschutz) in Tübingen. Von dem spaltete sich – aufgrund unterschiedlicher Positionen zum Thema Gewalt – der Arbeitskreis Lebensschutz um den Linguisten, Pädagogen und Gandhi-Schüler Hartmut Gründler ab, bei dem ich mich ab 1973 engagierte. Er organisierte Bücherlisten und Vorträge zu Umweltthemen, zur gesunden Ernährung und besonders zur Atomenergie. Die AUD* von August Haußleiter (ein begnadeter Redner) war für mich damals die Partei, die die Themen Umwelt und Atom, aber auch Atomkrieg und NATO-Aversion über ihre Zeitung Die Unabhängigen transportierte. Daraus erwuchs 1975 die Gründung des Kreisverbands Neckar-Alb der AUD bei uns zuhause. Wir waren Idealisten: (Waldorf)-Lehrer, Physiker, Chemiker, Alternative, „Müslis“.
Wir machten Reklame mit gelegentlichen Infoständen in der Mensa. Der Abdruck der „Seattle-Rede“ mit einer aktuellen Einschätzung der zivilisatorischen Lebensweise durch Johnny Mohawk war eines unserer Werbematerialien, Die Kunst des Liebens von Erich Fromm und auch die Schriften von Ivan Illich gehörten zu unserem Repertoire.
Zwar gab es einen „Bürgerdialog Kernenergie“ durch Bundeskanzler Helmut Schmidt – aber parallel wurde der Bau von Atomkraftwerken forciert. Bei Reutlingen war das „AKW Mittelstadt“ geplant. Das und insbesondere die Bauplatzbesetzung in Wyhl politisierte uns heftig. Die politischen Aktionen Hartmut Gründlers** gegen diese lügenhafte Politik gipfelten leider in seiner Selbstverbrennung vor dem SPD-Atom-Parteitag in Hamburg am 16. November 1977.
Kurz danach zeigte die AUD das politische Märchen „Vom Fischer und siner Fru“. Das war wohl der Tropfen in ein übervolles Fass. Wolf-Dieter*** und Conny**** Hasenclever wechselten von der Atom-SPD zur AUD. Unsere Politik wurde professioneller. Zugleich bekam unser Tübinger Spektrum etwas mehr an roter Farbe. Unter anderem trat auch Fritz Kuhn bei uns ein. Wir hatten mehrere große Veranstaltungen – einmal als Vorprogramm auch einen Info-Markt der lokalen Umwelt- und Friedensgruppen.
Aus dieser AUD heraus entstanden bei uns DIE GRÜNEN. Im KV Tübingen der GRÜNEN (Gründung vermutlich am 3. April 1979) mit Gerlinde Westermayer im Vorstand wurde dann auch die Gründung des Landesverbands mit vorbereitet. DIE GRÜNEN beteiligten sich bereits 1979 als „Politische Vereinigung“ an der Europawahl. Dazu organisierten wir unter anderem eine gut besuchte Anti-Atom-Veranstaltung mit Solange Fernex aus dem Elsass und Petra Kelly. Im Mai plakatierten wir querbeet bis nach Leutkirch im Allgäu, wo ich herkomme. Auch dort gab es eine Veranstaltung zur Europa-Wahl. Wolf-Dieter Hasenclever wurde in den Kreistag und 1980 in den Landtag gewählt.
Im Sommer 1980 wurde ich dann zum – allerdings nicht besonders schlagfertigen – Bundestagskandidaten. Angeblich hat Fritz Kuhn sich über meine mangelhafte Performanz so geärgert, dass er beschlossen hat, das besser zu machen – das hat er ja auch bis jetzt mit langem Atem getan.
Ich weiß gar nicht, ob ihr beim Gründungsparteitag in Karlsruhe 1980 mit dabei wart. Sind die ersten Bundesversammlungen mit den heutigen Delegiertenkonferenzen vergleichbar? Oder was war anders?
Ich war bei einigen Delegiertenversammlungen der AUD. Beim Gründungsparteitag in Karlsruhe war je ein Delegierter oder eine Delegierte pro Kreisverband vorgesehen. Im KV Tübingen wurde die Wahl angefochten und so gab es eine Nachwahl. Delegierter war dann Fritz Kuhn mit einem leichten Stimmenvorsprung vor Wolf-Dieter Hasenclever. Wir waren nicht dabei. Heute sind die Parteitage wesentlich formaler und bereits im Vorfeld (Antragskonferenzen) super organisiert – die Regie lässt aber kaum noch Raum für Spontanes.
Wenn du dich in die damalige Zeit zurückversetzt: Worüber wäre dein damaliges „Ich“ an den heutigen Grünen begeistert?
Sicherlich darüber, wie manche PolitikerInnen mit guten Reden bzw. guten Texten eine inhaltlich stimmige Position auf schwierigem Terrain darlegen, wie z.B. Rebecca Harms gegen die Atomenergie oder auch der Beitrag von Winni Nachtwei zur Rede von Bischöfin Käßmann zum Afghanistan-Krieg. So etwas kann mich auch heute noch begeistern.
Vielen Dank!
* Die AUD (wertkonservativ und „neutralistisch“) wäre ein Thema für sich.
** Siehe Gründlers Essay „Die sprachliche Verpackung der Atomenergie … “, nachlesbar in: H. Hüfler/M. Westermayer (Hrsg.) Hartmut Gründler, Ein Leben für die Wahrheit – Ein Tod gegen die Lüge, G&M Westermayer Verlag.
*** Heute bei der FDP.
**** Conny Hasenclever organisierte damals u.a. die „Kinder-Plakate“, also „Wir haben die Erde von unseren Kindern nur geborgt“
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