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2010
02Jun

Grünzeug am Mittwoch 069: Interessante Zeiten

Ich bin ja – Jahrgang 1975 – ein Kind der 80er. Mit der alten Bundesrepublik verbinde ich im Nachhinein das Gefühl von Stabilität – und wenn’s auch bleischwere Stabilität war. Die letzten Tage fühlen sich dagegen eher an wie aus einem Science-Fiction-Szenario (na gut, wir schreiben inzwischen ja auch schon 2010). Landtagswahlen mit extrem knappen Ergebnissen und gruseligen Koalitionsverhandlungen. Angriffe von SpekulantInnen auf die EU. Eine schwarz-gelbe Bundesregierung (ja, wie damals, in den 80ern), die innerhalb weniger Monate nackt dasteht. Ein schwarzer US-Präsident, als Hoffnungsträger gestartet, dessen größtes Problem inzwischen BP heißt. Ein Ministerpräsident, der mir nichts, dir nichts zurücktritt. Vulkanausbrüche mit globalen Konsequenzen. Eine Bundeskanzlerin, die nicht regiert. Militärische Dummheiten in Afghanistan. EU-Staaten, die kurz vor dem Bankrott stehen. EU-Staaten, die politisch eher an Kabarett erinnern. Ein Grüner auf Platz zwei einer südamerikanischen Präsidentenwahl. Gaza, Iran, Nordkorea. Und ein Bundespräsident, der spontan beleidigt zurücktritt (und damit eine Debatte darüber auslöst, ob wir das Amt überhaupt noch brauchen). Ob die Regierung Merkel am Jahresende noch steht? (Ich würde nicht darauf wetten.) Und das alles im Minutentakt der Twitter-Meldungen.

Stabil ist das nicht. Aber vielleicht ist das ganz gut so. Und auch darüber hinaus wird deutlich, dass tiefgreifende Veränderungen möglich sind. Unsichere Zeiten. Und allemal interessante Zeiten.


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30Dez

Grünzeug am Mittwoch 047: Das war 2009

Nicht nur unser Europawahlprogramm, sondern auch diese Blogkolumne lässt sich verwortwolken. Das Ergebnis für alle 2009 erschienen Folgen sieht dann so aus (Lizenz CC-BY):

Wordle: Gruenzeug am Mittwoch 2009

Besonders eindrucksvoll ist das nicht. Also, dass ein grünes Blog sich vorrangig mit grün, Grüne und Grünen beschäftigt. Und dass einiges über die SPD hier stand (und weniger viel über FDP und CDU). Fast schon auf den Plätzen folgen dann Themen (Wahlkampf, Studiengebühren, Arbeit, Wissenschaft und Baden-Württemberg, um nur fünf zu nennen) – und einige meiner Lieblingswörter (z.B. „trotzdem“, „wohl“ und „schon“).

TrotzdemUm zu dieser Wortwolke zu kommen, musste ich alle 46 bisherigen Einträge aufrufen. Das fand ich spannend, weil es ein bißchen ein persönlicher Jahresrückblick war: Die Europawahlkampagne mit WUMS. Hochschulpolitik mit mehreren Bildungsstreiks in einem Jahr. Immer wieder Klima – mit der Kopenhagener Enttäuschung als Gipfel, aber auch mit Energiesparlampen, ICEs, Desertec und klimabewusstem Essen. Debatten um Grundeinkommen und Grundsicherung – u.a. aufgrund einer E-Petition. Die großen netzpolitischen Fehlentscheidungen – und die Kristallisation einer Bürgerrechtsbewegung 2.0. Die Bundestagswahl mit viel Schatten (und ein bißchen Licht durch die schöne neue grüne Fraktion).

Das also war 2009. Mit dem Grünzeug am Mittwoch wird’s wohl auch im Jahr der Schröderschen Agenda weitergehen. So schnell holt die Zukunft einen ein. Und sonst? Es kann nur besser werden!


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16Dez

Haushaltsentwurf 2010: Schwarz-Gelb im Nebel

Gerade eben hat Finanzminister Schäuble den heute vom Kabinett beschlossenen Haushaltsentwurf für 2010 im Haushaltsausschuss des Bundestages vorgestellt. Das er dies vor seinem Auftritt in der Bundespressekonferenz getan hat ist guter Stil. Aber ein guter Haushalt ist es leider nicht:

Die geplante Neuverschuldung des neuen Entwurfs zum Haushalt 2010 durch den Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble liegt bei offiziell 85,8 Mrd. €. Darüber hinaus spricht Schäuble von 14 Mrd. € in den Schattenhaushalten. Obwohl damit die Verschuldung schon dreistellig ist, entspricht sie immer noch nur der halben Wahrheit. Die aufgehäuften Verluste der Sondervermögen (Soffin, Investitions- und Tilgungsfonds und Wirtschaftsfonds Deutschland) werden sich Ende des Jahres 2010 auf über 45 Mrd. € belaufen. Damit beträgt die ehrliche Verschuldung 2010 rund 131 Mrd. €.

Die Ausgaben des Schäuble-Entwurfs liegen bei 325,4 Mrd. € und damit 2,3 Mrd. € unter dem Steinbrück-Entwurf vom Sommer. Die Steuereinnahmen liegen bei 211,9 Mrd. €, also 1,9 Mrd. € unter dem Sommeransatz. Die Nettokreditaufnahme liegt bei 85,8 Mrd. €, nur 0,3 Mrd. € unter dem ersten Regierungsentwurf, obwohl die Regierung den aktuellen Haushalt mit einer angenommen Wachstumsrate von 1,2 % gerechnet hat. Noch im Sommer hatte die Regierung noch mit einem Wachstum von nur 0,5 % kalkuliert.

Die konjunkturelle Aufhellung spiegelt sich nicht im Haushalt wider: Die Steuereinnahmen wären deutlich um rund 4 Mrd. € höher, wenn man auf das sog. Wachstumsbeschleunigungsgesetz (das in Wirklichkeit kein Wachstum beschleunigt, sondern nur den Schuldenberg erhöht) verzichten würde. Unter dem Deckmantel der Krise werden noch Geschenke an die eigene Klientel gemacht – man denke nur an die ermäßigte Mehrwertssteuer für Hoteliers.
Wie stark sich die konjunkturelle Erholung auf den Bundeshaushalt auswirkt, dokumentiert die Prognose für das Ist-Ergebnis 2009. Hier soll die Nettokreditaufnahme nicht wie im zweiten Nachtragshaushalt 49,1 Mrd. €, sondern nur noch 37,5 Mrd. € betragen. Diese „Verbesserung“ entsteht durch eine Verbesserung bei den Steuereinnahmen von 224,5 Mrd. € auf 227 Mrd. € (also ein Plus von 2,5 Mrd. €) und konjunkturbedingt geringere Ausgaben (beispielsweise im Bereich der Arbeitsmarktpolitik von 8,8 Mrd. € (nämlich von 303,3 Mrd. € auf 294,5 Mrd. €).

Schäuble setzt in seinem Entwurf geringere Ausgaben in Höhe von 3,5 Mrd. € bei ALG II, Kosten zur Unterkunft und beim Defizitausgleich der Bundesagentur für Arbeit (BA) an, denn gegenüber dem ersten Regierungsentwurf im Sommer hat sich die konjunkturelle Lage deutlich aufgehellt. Durch neue Ausgabenprogramme allerdings spiegelt sich diese „Einsparung“ nicht ausreichend im Zahlenwerk wider. Die Ausgaben sinken nur um 2,3 Mrd. €.
Der Etatentwurf jetzt hätte demnach im Vergleich zum Sommerentwurf von Steinbrück eine konjunkturabhängige „Verbesserung“ in Höhe von fast 10 Mrd. € erlaubt. Diese werden aber unter dem Deckmantel der Krise verfrühstückt.
Statt mit der notwendigen Haushaltssanierung zu beginnen und Subventionen abzuschaffen, werden Mehreinnahmen sinnlos für Klientelpolitik verschleudert. Verbrämt wird dies alles als Krisenreaktion – so will schwarz-gelb die Steuerzahler täuschen, die die Kosten der Rekordverschuldung in den nächsten Jahren mit Zins und Zinseszins sehr teuer bezahlen müssen.
Statt einen stabilitätsorientierten Haushaltsentwurf vorzulegen, will Schwarz-Gelb noch einmal prassen bevor die neue Schuldenregel greift. Die Rechnung wird zukünftigen Generationen präsentiert. Damit zeigen sich Merkel und Westerwelle erneut als die größten Zechpreller der Haushaltsgeschichte.

(erscheint auch auf www.bondestag.de)


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