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27Aug

Merkel besucht Atomkraftwerk

Was will uns die Kanzlerin mit den Bildern aus dem Atomkraftwerk Lingen sagen? Merkel zwischen dem einen Kopf größeren RWE-Chef und dem eon-Chef. Und RWE-Chef Grossmann darf dann auch noch sagen, dass man „in den nächsten Wochen intensiv miteinander sprechen“ werde und dass es dann Ergebnisse geben werde, mit denen beide Seiten leben können, dessen habe man sich versichert. Absurde Verhandlungen sind das – bei der Laufzeitverlängerung geht um viel Geld, um Sicherheitsrisiken, um wachsende Atommüllmengen und um die Frage, wie ernst es die Regierung meint mit dem Ausbau der Erneuerbaren. Dass die Bundesregierung das alles einvernehmlich mit den Energiekonzernen aushandeln will, lässt tief blicken.
Einziger positiver Nebeneffekt des gestrigen Kanzlerin-im-Atomkraft-Werk-Termins: man kann ihn als Beitrag zur Mobilisierung für die Anti-Atom-Demo am 18.09. in Berlin werten.


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15Jul

Bundeshaushalt 2011: Falsche Konsolidierungspolitik ohne Zukunftsrendite

Vergangene Woche hat das Bundeskabinett den Entwurf zum Bundeshaushalt 2011 verabschiedet, der dann ab September im Haushaltsausschuss weiter beraten werden wird. Es ist richtig, dass die Bundesregierung endlich mit der Reduzierung der Neuverschuldung beginnt – richtig falsch ist aber wie sie es macht.

Der Beratungsbedarf ist groß: Durch Maßnahmen wie die Wohngeldkürzung wird das schwarz-gelbe Sparpaket, das schon in seiner ursprünglichen Konzeption die Schwächsten einseitig belastet, noch unsozialer. Die Bundesregierung legt mit dem Entwurf auch die Axt an die Ökologisierung der Wirtschaft. Diese falsche Konsolidierungspolitik hat keine Zukunftsrendite.

Wieder einmal muss konstatiert werden: Die Bundesregierung hat eine große Chance vertan. Gerade angesichts des weiterhin gigantischen Defizits muss Haushaltspolitik jetzt den Anspruch nachhaltiger Konsolidierung erfüllen. In dieser Hinsicht hat die Bundesregierung völlig versagt. Ökologisch schädliche Subventionen bleiben fast völlig unangetastet – nur bei Ausnahmen bei der Ökosteuer will die Regierung ein wenig nachsteuern und Ausnahmen abbauen.

Soziale Schieflage der Sparbeschlüsse

Die vom Grundgesetz vorgegeben Konsolidierungsleistungen (Schuldenbremse) erbringt die Bundesregierung zum weit überwiegenden Teil im Bereich der Sozial- und Arbeitsmarktpolitik. Obwohl die Bundesregierung mit ihrer Entscheidung zur Verlängerung des konjunkturellen Kurzarbeitergeldes der Bundesagentur für Arbeit (BA) Milliardenlasten politisch auferlegt hat, wird das erwartete Defizit bei der BA in Höhe von 6,6 Milliarden Euro nur noch durch ein Darlehen des Bundes ausgeglichen. Auch im Jahr 2012 wird bei der BA ein milliardenschweres Defizit erwartet. Wie die BA die Rückzahlung leisten soll, ist völlig unklar. Eine Beitragserhöhung bleibt zu befürchten, die vor allem Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit niedrigem Einkommen überproportional belasten würde. Auch hat die Bundesregierung bisher kein Konzept, wie die Lebenssituation von Kindern, die in den ärmsten Haushalten leben, verbessert werden. In den Haushalt werden lediglich (in Form einer „globalen Mehrausgabe“) Mittel in Höhe von 480 Millionen Euro eingestellt – die Hälfte des Betrages, den die schwarz-gelbe Koalition für Hoteliers in Form einer Steuersubvention aufbrachte.

Für die Wiedereingliederung von Arbeitslosengeld-II-Empfängern kürzt die Bundesregierung die Mittel um 1,5 Mrd. Euro (13 %). Der Kabinettsentwurf macht deutlich, dass die dringend gebotene Erhöhung der Regelleistungen für Hartz-IV-Empfänger auf 420 Euro, die in einer transparenten und nachvollziehbaren Berechnung vom Paritätischen Wohlfahrtsverband als notwendig zur Teilhabe errechnet wurden, von dieser Bundesregierung nicht umgesetzt wird. Offenbar wird das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zu den Regelsätzen ignoriert. Durch die Abschaffung der Beitragszahlung des Bundes an die gesetzliche Rentenversicherung verschiebt der Bund die Belastungen auf die Kommunen als Träger der Grundsicherung. Außerdem wird die Rentenversicherung durch Mehrausgaben von 0,6 Mrd. € pro Jahr belastet, die durch die beschlossene Erhöhung der Beiträge zur Krankenversicherung entsteht. Dadurch schmilzt die Reserve und eine Absenkung der Rentenversicherungsbeiträge verschiebt sich weiter. Die schwarz-gelbe Koalition erhöht also alle Bereiche der Lohnnebenkosten. So schnell wird Mehr zu Weniger Netto.

Falsch Gespart: Zukunftsinvestitionen für den Klimaschutz werden gekürzt

Bei notwendigen Zukunftsinvestitionen im Bereich von ökologischer Wirtschaftspolitik kürzt die Bundesregierung heftig: Im Kabinettsentwurf zum Bundeshaushalt 2011 wird eine deutliche Absenkung bei der Förderung von Einzelmaßnahmen zur Nutzung erneuerbarer Energien angekündigt. Die Förderung für Solarkollektoren, Biomasseheizungen, kleine Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlagen, Wärmepumpen sowie für Klimaschutzprojekte in Kommunen sind von großer Bedeutung für mittelständische Betriebe, nicht zuletzt in Baden-Württemberg. Auch das Programm zur Steigerung der Energieeffizienz in der Landwirtschaft und im Gartenbau sind wichtige Bausteine. Auch beim CO2-Gebäudesanierungsprogramm reduziert die schwarz-gelbe Bundesregierung die geplanten Ansätze radikal um die Hälfte. Damit handelt die schwarz-gelbe Bundesregierung auch wirtschaftspolitisch falsch: Jeder Euro, der hier aus Bundesmitteln zum ökologischen Umbau der Gesellschaft genutzt wird, mobilisiert noch mal sieben bis acht Euro an privaten Investitionen und kurbelt damit die Wirtschaft vor Ort an. So werden Arbeitsplätze im Handwerk und im Mittelstand geschaffen und gesichert. Die Regierung verweigert sich wider besseren Wissens einer intelligenten Klimapolitik, die auch noch wirtschaftsförderlich ist. Wer im eigenen Land die Programme gegen den Klimawandel stoppt, kann auch international nicht glaubwürdig für mehr Klimaschutz streiten.
Durch den Abbau ökologisch schädlicher Subventionen hätte die Bundesregierung gleichzeitig einen Beitrag zum Schutz der Umwelt und der Sanierung des Haushalts leisten können. Das Umweltbundesamt hat den Umfang umweltschädlicher Subventionen auf Einnahmen- und Ausgabenseite im Bundeshaushalt auf jährlich mindestens 48 Milliarden Euro geschätzt. Die Beschlüsse der Bundesregierung zum Subventionsabbau im Umfang von 2,5 Mrd. € bleiben weit hinter den tatsächlichen Möglichkeiten zurück. Die Brennelementesteuer greift mit 2,3 Milliarden € nur einen kleinen Teil der Windfall Profite der Energieerzeuger ab, die durch die geplante Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke entstehen.

Mit diesem Haushalt versagt die Bundesregierung vor der zentralen Aufgabe, unser Land sozial und ökologisch zu modernisieren. Wir werden in den Beratungen im Bundestag deutlich machen, welche Alternativen es gibt und was eigentlich getan werden müsste.

(erscheint auch auf: www.bondestag.de)


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02Jul

Freitags aus Freiburg Nr. 29: Grand Dame

Was berichtet man von einer Bundesversammlung, die der Dauer und vielleicht auch der Spannung nach einzigartig war? Ich greife mal einfach zwei Themen heraus, das erste die grüne Wahlfrau Hildegard Hamm-Brücher. Die Begegnung mit ihr werde ich hoffentlich immer im Gedächtnis behalten. Eine wirklich beeindruckende Frau. Auf der Vorabend-Fraktionssitzung beschrieb sie uns, wie sie seit Ende des 3. Reichs immer wieder auf lebendige, demokratische Auf- und Durchbrüche gehofft hat, diese miterlebt hat und auch, wie sie zu Ende ginge, die sozialliberale Ära zum Beispiel. Oder die Entstehung der Grünen ihr Hoffnung auf mehr Lebendigkeit in der Politik gab  („Sie waren anfangs ja noch etwas verrückt“).
Und es sei ihr nun gegangen wie einem alten Schlachtross, das schon im Stroh liegt und nun doch noch einmal die Fanfaren hört und wieder aufsteht. Denn sie setze große Hoffnung in die Kandidatur von Gauck, die demokratische Kultur und Praxis neu beleben zu können. Und da wolle sie mit ihren 89 Jahren doch dabei sein. Eine wirkliche Grand Dame der deutschen Politik!

Die Beiträge von Joachim Gauck waren ebenfalls beeindruckend. Z.B. seine Schilderung, wie er als politisch werdender Jugendlicher erfasste, was für Gräuel es im 3. Reich gegeben hat und ihn eine tiefe Scham und Abneigung zu Deutschland prägte. Und er sich lange in diesem Land nicht zuhause fühlen konnte, weil es so viel Schreckliches hervorgebracht und zugelassen hat. Und erst die friedliche Revolution in der DDR ihm eine Freude am eigenen Land erlaubte. Was für ein Kontrast zum nun gewählten Bundespräsidenten, der gestern in der ARD verkündete, er fasse Liebe weiter und liebe Frau, Kinder und Vaterland.

So bleibt für mich von der Kandidatur von Joachim Gauck viel Positives übrig, Freude an den ausgelösten Debatten, die Erinnerung an dadurch mögliche tolle Begegnungen. Und die Erinnerung daran, das Politik viel mehr ist oder jedenfalls sein kann und sein sollte, als das tägliche Klein-Klein. Das bleibtund  tröstet über den Ausgang der Wahl etwas hinweg. Und als Urlaubslektüre stehen die Bücher von Hildegard Hamm-Brücher ganz oben auf der Liste.


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01Jul

Christian wer?

Am Tag nach der 14. Bundesversammlung, der unsere Landesvorsitzende Silke Krebs u.v.m. angehörten, ist es als Grüne leicht, auf die Probleme anderer Parteien und Personen zu zeigen. Ja, das war ein Denkzettel für Kanzlerin Merkel. Ja, es war für viele bereichernd, Joachim Gauck neu kennenzulernen, auch für mich als jüngere Wessi. Ja, die LINKE ist mehrheitlich vergangenheitsorientiert und nicht bereit, Verantwortung zu übernehmen – siehe auch den Vergleich des Bundestagsabgeordneten Diether Dehm von Wulff und Gauck mit Diktatoren des 20. Jahrhunderts.

Aber was ist mit dem neu gewählten, 10. Bundespräsidenten Christian Wulff? Interessante Themen und Thesen waren von ihm im kurzen Schaulaufen um das Amt nicht zu vernehmen.  Er ist seit Jahrzehnten Berufspolitiker, war sieben Jahre Ministerpräsident von Niedersachsen. Warum verbinde ich mit ihm nichts? Im Gedächtnis sind mir: Der gescheiterte Versuch, in Niedersachsen das Landesblindengeld abzuschaffen, und seine Fortführung der von der SPD eingeleiteteten Verwaltungsreform hin zu mehr Landesoberbehörden. Ach ja, und Wulff als VW-Lobbyist von Amtswegen, wie alle niedersächsischen Ministerpräsidenten vor ihm.

Wie zum Beweis hat Wulff sich gestern mit einer langweiligen Rede den hochinteressierten Bürgerinnen und Bürgern vorgestellt – hier ist sie dokumentiert. Seine erste Chance hat er gleich vertan. Er adressierte die vor ihm sitzenden ParteienvertreterInnen statt die Bevölkerung, deren Staatsoberhaupt er nun ist. Er meinte betonen zu müssen, dass er im dritten Wahlgang mit der absoluten Mehrheit (und nicht nur der relativen) gewonnen hat. Die Beschreibung seiner Gefühle, „wenn man nach Deutschland aus Auslandsreisen zurückkehrt“ -  es ist ja nicht überraschend, dass es woanders anders ist als zu Hause. Ein kurzer Schlenker zur Deutschen Einheit – ok. Alles in allem war es die Rede eines soeben wiedergewählten, unauffälligen Ministerpräsidenten. Da kann man nur hoffen, dass von unserem neuen Staatsoberhaupt in den nächsten Jahren mehr kommt.


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08Jun

Grünzeug am Mittwoch 070: Sozial geht anders

Es ist ja schön, dass im Windschatten des Sparpakets auch die eine oder andere Ökosteuer auftaucht (Brennelemente, Flugbenzin), und dass beispielsweise über den Unsinn der Wehrpflicht jetzt doch geredet wird. Auch, dass überhaupt über einen ausgeglichenen Haushalt nachgedacht wird, kann als positiv bewertet werden.

Leider bleibt die Einnahmenseite weitgehend tabu. Innovativere Ideen wie das Abschmelzen des Ehegattensplittings werden gar nicht erst angedacht. Stattdessen finden sich harte und sehr konkrete Einschnitte im Sozialbereich – bei den Schwächsten der Gesellschaft. Als ob das nicht schlimm genug wäre, geriert sich Familienministerin Schröder als Marie Antoinette und twittert zur geplanten Streichung des Elterngelds für Hartz-IV-Familien:

Eine Familie in Hartz IV, 2 Kinder, erhält inkl. Elterngeld 1885 € vom Staat. Netto! Ist das gerecht gegenüber denen, die arbeiten?

Sie ignoriert den sozialen Charakter des Elterngeldes, das eben keine reine Lohnersatzleistung ist, sondern einen 300-Euro-Sockel hat (zum Glück: sonst würden beispielsweise studierende Eltern auch kein Elterngeld erhalten!). Sie hantiert mit Zahlen, die künstlich maximiert sind (und auf vier Personen runtergebrochen, wenn davon Miete und Essen bezahlt werden sollen, gar nicht mehr so hoch sind). Ihr Gerechtigkeitsbegriff ist eindimensional – etwa, weil AufstockerInnen ausgeblendet bleiben. Kurz: die Familienministerin kürzt bei den Schwächsten und fackelt zur Begründung eine Neiddebatte an. So bitte nicht!


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