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30Jul

mehr freie Schulen

„Erkläre mir und ich vergesse.
Zeige mir und ich erinnere mich.
Lass mich tun und ich verstehe.”

Konfuzius

Vorweg: unser Sohn (knapp 10) geht seit der zweiten Klasse auf eine freie Schule in Karlsruhe.

Letzte Woche am Mittwoch war auch an unserer Schule Schulabschluss. Am Dienstag Abend war noch Elternabend, bei der einige der Schulabgängerinnen da waren und uns einen persönlichen Rückblick auf ihre Schulzeit gewährten. Sie machten eine Reihe von Verbesserungsvorschlägen, die diskutiert werden müssen, auf die eine oder andere Anregung wird eingegangen. Das ist eine Entscheidung der Schüler_innen, Lehrer_innen und Eltern, die jetzt an der Schule verbleiben. Ich schreibe das nur, damit auch sichtbar ist, das auch eine freie Schule nicht fehlerfrei ist und sich natürlich fortentwickelt. In deutlich kürzeren Zyklen als reguläre Schulen übrigens.

Beeindruckend war das Selbstbewusstsein, mit der alle drei Schülerinnen darstellten,was für sie gut war und was nicht.  Aber es waren Sätze wie:

„wir haben ganz viel soziales gelernt“,

„wir können gar nicht verstehen, dass die anderen Schüler_innen, mit denen wir zusammen Prüfung hatten (externe Prüfung an einer „regulären“ Schule) so froh waren, dass die Schule für sie vorbei ist. Wir sind traurig

im  Gegensatz zu den Schüler_innen an normalen Schulen weiß ich, dass ich für mich lerne. Ich will das Abi für mich haben und um das zu erreichen, muss ich lernen. Und zwar für mich, nicht weil jemand will, dass ich es mache

wir haben gelernt, unsere eigene Meinung zu haben, zu formulieren und sie zu sagen

Ich hab mich immer gefreut, wenn die Ferien vorbei waren, ich wollte wieder hierher

Wir haben gelernt, nicht so schnell Vorurteile zu haben und anderen respektvoll zu begegnen

die hängen bleiben. Eine offene, wertschätzende Rückmeldung haben wir bekommen. Das Vertrauen in die Schüler, dass sie etwas lernen, war für alle wesentlich.

Sie haben sich alle drei für weiterführende Schulen entschieden und wissen auch, dass die meisten, die von der Schule abgegangen sind, gut zurecht gekommen sind auf weiterführenden Schulen. Ihre Aussagen decken sich mit denen, die man im Trailer zum Film: Schule des Lebens sehen und hören kann:

[youtuber youtube=‘http://www.youtube.com/watch?feature=player_profilepage&v=4Ud7SX7ZHdc&hd=1′]

Angesichts solcher Aussagen bin ich darin bestätigt, auch unseren jüngsten dorthin zu schicken – er möchte sowieso unbedingt in die Schule, in der sein großer Bruder ist und der da ganz offensichtlich gerne hingeht.

Und ich hoffe, dass das Land Baden-Württemberg endlich seiner Verpflichtung nachkommt, und das Bruttokostenmodell anwendet:

Nach einem Urteil des Verwaltungsgerichtshofes Mannheim vom 12. Januar 2000 sollte die staatliche Förderung mindestens 80 % der Kosten eines entsprechenden Schülers im öffentlichen Schulbereich decken, die restlichen 20 % gelten als sozialverträgliches Schulgeld, das den Eltern zugemutet werden kann.

das immer noch nicht realisiert wurde, obwohl seit 2011 (schwarz-gelbe Regierung) dies aufgrund der Schülerzahlen längst der Fall sein sollte. Ja, kritisch ist dabei, dass auch christliche Schulen Nutznießer sind, aber Freie Schulen nach einem Konzept, wie es an der FASKA realisiert wird, sind weit weg von dem autoritären Schulsystem, das Schwarze und Gelbe und die Roten auch ein bißchen so gerne erhalten würden. Die Gemeinschaftsschule in der jetzigen Form, kann nur ein Schritt sein hin zu demokratischen Schulen, in denen Schüler wertgeschätzt werden und sie nicht nur an der Entwicklung der Schule beteiligt sind, sondern auf Augenhöhe Lehrer_innen und den Eltern begegnen. Und auch wenn zum Konzept gehört, nicht zu vergleichen, so muss doch gesagt werden, dass die Erfolge zeigen, dass es für gute Schulen keine verbeamteten Lehrer_innen braucht, sondern engagierte Lernbegleiter_innen, die jedes Kind ernst nehmen und es in seinen Stärken fördert. Und jedem Kind, egal wie es ist, mit Respekt begegnet.

Leider haben die meisten Eltern nicht das Vertrauen in ihr Kind, dass es lernen wird zu lernen. Kein Vertrauen, dass es mehr zu lernen gibt als abfragbares Faktenwissen, das benotet werden kann – und meist kurz nach der Klassenarbeit wieder vergessen ist. Kein Vertrauen, dass Kinder selbst lernen wollen – und es auch tun, wenn man sie lernen lässt, was sie wollen und ihnen einen wertschätzenden Weg zeigt, wie sie das erlernen, was sie für einen Schulabschluss brauchen. Diese Schulabgängerinnen haben gezeigt, dass sie auf genau diesem Weg alle Zugangsvoraussetzungen geschafft haben, um auf weiterführenden Schulen den Abschluss ihres Wunsches zu machen.

Wir brauchen mehr solche Schulen. Und wir brauchen vor allem mehr Lehrer_innen, die an staatlichen Schulen solche Konzepte umsetzen. Ein Ende der Noten, ein Ende der Nichtversetzungen, ein Ende der Abwertungen. Ein Ende des Versuchs, alle Schüler_innen über einen Kamm zu scheren und durch den Versuch, über die Abprüfung gleicher Inhalte alle gleich zu machen und vergleichbar. Glückliche, frohe Kinder lernen leichter und lieber. Eine einfache Wahrheit. Ich will glückliche Schüler_innen!

(zweitverwertet aus meinem Blog)


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23Jul

wozu auch Medienkomeptenz?

http://www.publicdomainpictures.net/view-image.php?image=7932&picture=signs

Ich bin ein bisschen fassungslos – und das hat sich seit gestern abend, nachdem ich die Schlagzeile gelesen habe, nicht wirklich geändert:

Schulen dürfen Fanpages bei Facebook pflegen, Lehrer sollen soziale Netzwerke nicht dienstlich nutzen: Baden-Württemberg hat neue Regeln für das Internet im Unterricht erlassen – aus Datenschutzgründen.

Auch die Handreichung des Ministeriums für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg zum Einsatz von „Sozialen Netzwerken“ an Schulen macht es dann nicht besser – es verdeutlich, wie weltfremd diese Handreichung ist.

Ärgerlich ist, dass hier Binsenwahrheiten mit Notwendigkeiten vermischt werden. Es durften noch nie persönliche Daten weitergegeben werden und dass diese nichts lehrerseits in sozialen Netzwerken zu suchen haben, ist eine Selbstverständlichkeit. Ärgerlich ist, dass mal wieder Realität aus den Schulen verbannt wird – und Labor deren Platz einimmt.

Es ist richtig, dass man nicht Facebook & Co. zum Kommunikationsstandard machen sollte. Aber ist es nicht so, dass soziale Netzwerke real zum normalen Kommunikationsverhalten der meisten Schüler_innen gehören?

Fett gedruckt in der Handreichung ist folgender Absatz:

Generell ist die Verarbeitung von personenbezogenen Daten im Rahmen der schulischen Arbeit auf Sozialen Netzwerken von Anbietern unzulässig, soweit deren Server außerhalb des europäischen Wirtschaftsraumes betrieben wer-den, es sich um US-Amerikanische Unternehmen handelt oder ein Zugriff von außerhalb des europäischen Wirtschaftsraumes möglich ist. Der Grund dafür ist, dass die dortigen Datenschutzstandards nicht mit deutschen und europäischen Datenschutzstandards in Einklang stehen. Ferner sind die AGBs bzw. Nutzungsbedingungen nicht mit dem deutschen Datenschutzrecht zu vereinbaren.

Der erste Satz bedeutet, dass personenbezogene Daten nicht auf Computern gespeichert werden dürfen, der einen Zugang zum Internet hat. Dies ist eigentlich richtig – damit macht man diese personenbezogenen Daten nicht zugreifbar von außen. Im Grunde genommen richtig – aber im Umkehrschluss bedeutet das das Ende der Kommunikation via Internet von Schule/Lehrer_innen und Schüler_innen. Es ist nicht mehr möglich, dass sich Schüler_innen per E-Mail vom Unterricht entschuldigen, es ist nicht mehr möglich, Adressbücher in E-Mail-Programmen anzulegen und zu nutzen. Denn in dem Moment, in dem ich E-Mails nutze, muss ich persönliche Daten benutzen und speichern, die auf ausländischen Servern verarbeitet werden. Man kann nur noch deutsche Office-Suites in der Schule verwenden, denn auch MS-Office (Outlook!), das ja in Schulen eingesetzt wird, ist auch ein „soziales Netzwerk“. Die Praxis, Klassenarbeiten/Hausaufgaben/Hausarbeiten per E-Mail auszugeben und ebenso wieder einzusammen und auf demselben Rechner dann einen Dokumentenvergleich durchzuführen, wie ihn viele Office-Suites anbieten und die Korrektur einfacher machen, ist mit dieser Anweisung beendet.

Die Kommunikation der Lehrer via sozialer Medien ist ebenfalls beendet, Lehrer_innen dürfen sich somit auch nicht mehr Eltern unverschlüselt austauschen.Hurra, zurück zur gelben Post.

Dies bedeutet konkret für Lehrkräfte und Schulen, dass jegliche dienstliche Kommunikation auf oder mittels Sozialen Netzwerken sowohl zwischen Lehrkräften und Schülern als auch der Lehrkräfte untereinander unzulässig ist. Darunter fällt die Mailkommunikation innerhalb von Sozialen Netzwerken ebenso wie Chats, aber auch der dienstliche Austausch personenbezogener Daten wie das Mitteilen von Noten, ferner das Einrichten von Arbeits- und Lerngruppen zum Austausch von verschiedensten Materialien, die Vereinbarung schulischer Termine und Informationen zu Erziehungs- und Ordnungsmaßnahmen. Für alle diese Zwecke gibt es bereits Kommunikationswege, wie beispielsweise der konventionelle Schriftverkehr oder die Nutzung von verschlüsselten E-Mails einschlägiger Anbieter.

Doch wollen wir in der Schule nicht Medienkompetenz vermitteln? Wie soll das eingentlich gehen? Ist es denn nicht so, dass wir am Beispiel am besten lernen? In der Enbindung realer sozialer Netzwerke in den Unterricht besteht die Möglichkeit, all die Fallstricke, die auftauchen können, an realen Gegebenheiten zu diskutieren – und nicht, wie ich befürchte, anhand eines Arbeitsblattes des EDV-Lehrers zu „Facebook und Co.“

Diese Handreichung ist der Ausdruck völligen Unverständnisses der Funktion sozialer Medien. Eine solche Hadnreichung übertragen auf die analoge Welt würde bedeuten, dass sich Schüler_innen und Lehrer_innen nicht unterhalten dürfen, wenn sie sich auf der Straße treffen. Schlimmer, die Lehrer_in muss die Straßenseite wechseln. Anstatt Schüler_innen beizubringen, wie man sich im „Internet“ bewegt und sie begleitet auf dem Weg dahin, verbietet man ihnen die Nutzung zur normalen Kommunikation. Und ganz weltfremd: nutzen Lehrer_innen oder Schüler_innen für ihren Telefonanschluss Voice-over-IP, dürfen sie nicht miteinander telefonieren. Das ist das, was diese Handreichung bedeutet. Denn die personenbezogenen Daten, die via Telefon ausgetauscht werden, werden ebenfalls auf nichtdeutschen Servern verarbeitet.

Es wäre besser, Unterrricht würde reales Handeln abbilden. Homepages via WordPress, Fanpages, Dropbox und andere Clouddienste zur Verteilung von Unterrichtsmaterialien, Bilder via tumblr oder einen anderen Bilderdienst, Diskussionen via Twitter oder g+,…Wie toll wäre die Einbidung von kranken Schüler_innen via Skype, bspw. bei Projekten…Es gibt keine deutschen Dienste, die das abbilden können, die den selbstverständlichen Umgang damit auf professionelle Art und Weise lehren könnten.  Ja, es gibt Moodle und die eine oder andere Plattform – aber sie sind meist umständlich und schwerer zu verstehen und haben mit dem intuitiv zu verstehenden Netzwerken nichts gemein. Es macht die Schüler_innen nicht bereit für die Nutzung dieser Medien im späteren Berufsleben. und auch wenn man sich das im Elefenbeintum Ministerium und Landtag nicht vorstellen kann: die Nutzung von E-Mail, sozialen Netzwerken, Clouddiensten, Videokonferenzen, WhatsApp uns so weiter und so fort, ist heute in Unternehmen gang und gäbe. Kundenbindung via Twitter und Co – normal und nicht mehr wegzudenken. (virales) Marketing, personalisierte Werbung, Reklamationsbearbeitung, Support, Hotlines, Verbesserungsdebatten, Bewertungen – all das ist Realität. Das Kultusministerium versucht unter dem Deckmantel des Datenschutzes hier zu verbieten, dass Schüler_innen, um zur Schule (also zum Lernen) zu kommen, die Straße zu benutzen. Das ist absurd.

Wie man hört, geht es aber „auch“ darum

Es geht vor allem darum, dass Lehrerinnen und Lehrer Plattformen wie Facebook zum Standard ihrer Kommunikation machen bzw. gemacht haben. Die Folge ist, dass Schülerinnen und Schüler, die an der notwendigen (!) schulischen Kommunikation (Hausaufgaben, Terminkoordination usw) teilhaben wollen, gezwungen sind sich bei Facebook einen Account zu besorgen.

Wenn ich sowas lese, dann verzweifle ich geradezu. Denn das bedeutet, dass der Lehrer_in, die das so gemacht hat, schlicht nicht medienkompetent ist. Ich würde den Lehrer_in mal fragen, wie sie ihren Beruf versteht und wie sie sonst gewährleistet, dass alle Schüler_innen eingebunden sind. Wie soll da Inklusion funktionieren? (A propos, Inklusion ist mit dieser Anweisung auch hinüber – wer sprachbehindert ist und Talker oder SMS benutzt, ist raus)

Die Antwort wäre medienkompetente Lehrer_innen zu bilden. Sie fortzubilden. (ob in den Ferien oder wann sonst, ist dabei ein Nebenkriegsschauplatz). Und dafür zu sorgen, dass sie moderne Medien be-nutzen lernen. Auch unter datenschutzrechtlichen Bedingungen. Aber die Schule ist kein Labor. Sie sollte unsere Kinder auf’s Leben vorbereiten. Das Kultusministerium hat hier in der Frage soziale Medien in der Realität versagt und agiert auf einer Ebene, die nichts, aber auch gar nichts damit zu tun hat, wie Schüler_innen heute kommunizieren. #epicfail

(zweitverwertet aus meinem Blog auf www.joergrupp.de)


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23Mai

Familien.Leben.Vielfalt.

Am 15. Juni treffen wir uns in Singen zu unserem diesjährigen Landesausschuss mit dem Schwerpunkt Familienpolitik. Den Leitantrag des Landesvorstand könnt Ihr hier lesen und kommentieren (Kommentare ersetzen keine Änderungsanträge!).

Unter dem Titel „Familien.Leben.Vielfalt“ stellen wir dar wie eine moderne und nachhaltige Familienpolitik aussehen muss. Dazu gehört eine effektive Unterstützung für Kinder – und zwar für alle. Wir wollen Investitionen für eine bessere Betreuungsinfrastruktur, mehr Bildungsgerechtigkeit und die Bekämpfung von Kinderarmut. Gleichzeitig wollen wir die Vereinbarkeit von Familie und Erwerbsleben verbessern, beispielsweise durch flexible Arbeitszeitmodelle und Teilzeit, die nicht zur Karrierefalle wird. Schließlich soll die Vielfalt, die es an Familienmodellen gibt, Anerkennung finden. Menschen, die für einander Verantwortung übernehmen – auch ohne Trauschein – sollen die gleichen Rechte haben, wie verheiratet Paare und deren Kinder weiterlesen »


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07Apr

eine Politik für morgen

605552_web_R_by_Dieter Schütz_pixelio.de

Ich schreibe hier und an anderer Stelle ja schon länger immer mal wieder das „robotische Revolution“. Analog zur industriellen Revolution leben wir in einer Zeit, in der sich die Arbeitswelt massiv verändert. Roboter übernehmen zunehmend Aufgaben, die bislang von Menschen ausgeführt worden sind. An einiges haben wir uns gewöhnt, an anders wird heute noch gar nicht gedacht, manches wird gerade eingeführt. Aber der Weg ist noch lange nicht zu Ende. Ich möchte ein paar Beispiele geben, um deutlich zu machen, wohin der Weg gehen kann und vermutlich auch wird. Nichts ist so durchsetzungsfähig wie der Fortschritt. Es ist an uns, zu definieren, wie wir ihn gestalten wollen.

Arbeitsplätze werden verschwinden. Und es wird keine neuen dafür geben. Unternehmen werden zusehends Berufe in Aufgabengebiete aufteilen und automatisierbare Aufgaben zuerst outsourcen und irgendwann diese outgesurcten Arbeitsplätze robotisieren. Die Folgen werden mehr und mehr im Arbeitsbereich „gering und geringer qualifizierte Tätigkeiten“ weitreichend sein. Beispiele gefällig?

Ich hab ja Einzelhandelskaufmann im Lebensmittelhandel gelernt. Gehe ich heute einkaufen, kann ich die Veränderungen sehen: Scannerkasen, RFID-Chips, Auspackteams, genormte Läden, genormte Regale. Es gibt Vorschriften in Bezug auf die Artikel, die Läden haben dürfen. Es gibt Vorschriften, in welchem Regal welcher Artikel steht. Während wir früher noch selbst Abteilungen umgebaut haben, aus dem großen Sortiment heraus bestimmt haben, was wir bestellen und wohin wir es räumen, über Erst- und Zweitplatzierungen nachgedacht haben, Spiegel gesetzt haben (also bestimmt, wo welcher Artikel im Regal steht), wir haben Ware ausgezeichnet und damit auch ausgepackt aus den Kartons, die heute sehr oft einfach nur noch an perforierten Stellen aufgerissen werden und die Ware im Karton ins Regal gestellt werden. Kassenabrechnungen erfolgen automatisch, Umsätze werden online übertragen, Bestellungen vom Warenwirtschaftssystem ausgeführt, Lagerhaltung genormt. Und noch einiges mehr.

Es ist folgendes Szenario nicht nur denkbar, sondern teilweise Realität und in Blick, was in  anderen Branchen auch ohne weiteres vorhersehbar:

Jeder Artikel erhält einen RFID-Chip. Obst und Gemüse und andere Wiegeware gibt es nur noch in genormten Größen in bestimmten Behältern. Der Kunde befüllt seinen Einkaufswagen mit allen Artikeln, die er möchte. An der Kasse steht ein Kassenautomat (Roboter), der die Funkimpulse empfängt, auswertet, addiert und die Zahlung via Karte oder Bargeldzähler entgegennimmt. Der ganze Laden wird mit Kameras überprüft, was Diebstahl unmöglich machen wird. Verdächtiges Verhalten führt zu Stichproben. Die Ware wird von einem selbstfahrenden LKW angeliefert, ins Lager gesetzt. Dort übernehmen Warenroboter, wie wir sie aus Großlagern kennen, die Verteilung im Laden, in dem die Waren immer an derselben Stelle stehen. Ein Roboter kann die Waren einräumen, der ist auch nie zu faul, alt vor neu zu platzieren. Putzroboter halten den Laden sauber, auch wenn etwas herunterfällt. Mit Kameras problemlos zu erkennen. An jedem Artikelstandort im Regal hängt ein QR-Code, sodass die Kunden mit ihrem Smartphone Informationen zum Artikel abrufen können, wenn sie das wollen. Da kein Personal mehr gebraucht wird, gibt es auch keine Öffnungszeiten mehr. Alles andere gibt es im Internet oder in extra Läden wie Hofläden oder Branchenläden. Selbiger Szenario ist auf den kompletten Einzelhandel übertragbar. Bücher werden eh zusehends vom Markt verschwinden wie die Platten- und CD-Läden. Sofern überhaupt noch Läden notwendig sein werden, ist jeder Artikel auf diese Art und Weise verkaufbar. Wer etwas anders möchte, wird teuer dafür zahlen müssen.

Taxifahrer werden aussterben, weil es analog zu den DB-Fahrrädern überall selbstfahrende Autos in Car-Sharing-Form  geben wird oder man Zugang mittels Smartphone (oder was auch immer darauf folgt), haben wird. Oder man löst eine Karte an einem Fahrkartenautomaten. Und mit den selbstfahrenden Autos wird der Fahrlehrer aussterben. Der LKW-Fahrer. Es wird eine Weile dauern, aber es wird passieren. Und es ist ja auch logisch: der Automat wird immer besser reagieren als ein Mensch. Züge könn(t)en heute schon komplett alleine fahren.

Die Pflege wird weitgehend automatisiert werden. Es gibt heute schon Roboter, die einen Teil der Pflegeaufgaben übernehmen. Essen zubereiten, servieren, Geschirr säubern, aufräumen. Ohne Probleme auf diese Art und Weise machbar. Automatisierte Restaurants? Von McDonalds dahin ist es nur ein kleiner Schritt. Automatisierte Landwirtschaft? Keine große Sache. man wird fast alles mit Robotern anpflanzen, pflegen, ernten können.

Und so weiter, und so fort.

Was folgt daraus? Wir brauchen eine Bildungspolitik, die dem gerecht wird. Die die Menschen heute schon mit der Technologie vertraut macht. Wer braucht Zehn-Finger-tippende Sekretär_innen, wenn die Spracherkennung das Tippen übernimmt? Wer braucht einen Buchhalter, wenn Einkauf und Versand automatisiert werden? Die Menschen besser ausbildet und Kinder nicht früh in Kategorien presst, sondern ihre individuellen Stärken herausfindet und zulässt, dass es Kinder gibt, die eben nicht gut rechnen, aber dafür gut konstruieren können – und in der Lage sind, mit einem Hilfsmittel gute Ergebnisse zustande bekommt.

Wir brauchen einen Arbeitsmarkt, der in der Lage ist, Arbeitnehmer_innen, die aufgrund von Automatisierung ihren Arbeitsplatz verlieren, eine Perspektive bieten kann. Wir brauchen eine sehr radikale Arbeitszeitverkürzung – und eine Steuerpolik, die einen Teil der Mehrgewinne auffängt und in entsprechende Ausgleiche investiert. Wir brauchen gesellschaftliche Aufgaben, die Menschen fordern und eine Demokratie, die in der Lage ist, Menschen mit mehr Zeit auch Raum für Engagement und Einfluss zu geben.

Wir brauchen Politiker_innen, die in der Lage sind, in langen Linien zu denken. Ein Zukunftsministerium, das Entwicklungen früh erkennt und entsprechend in den Ressorts Pläne entwickelt, wie man dem gerecht wird. Eine Datensicherheitspolitik, die die Menschen lehrt, in einer Informationsgesellschaft die eigenen Daten zu schützen und Angriffe erkennt.

Wer aber immer nur bis zur nächsten Wahl denkt, wird von solchen Entwicklungen überrollt werden. Schaue ich mir die Altparteien an, dann stelle ich fest, dass es ein starkes Verharren in bekannten Positionen gibt. Es gibt bei uns gerade mal ein paar Ansätze für diese Zukunftsthemen. In anderen Parteien sehe ich das eher gar nicht. Wir brauchen Menschen,die sich dieser Themen annehmen. Nicht nur in der Politik, auch in der Gesellschaft. Denn weitere Fragen wie Urheberrecht und Patente spielen da ebenfalls hinein: wem gehört das Wissen, das die ganze Menschheit voranbringt?

Die Zukunft wird spannend. Aber sie muss vor allem dafür sorgen, dass sie erfüllend bleibt für alle Menschen. Dazu gehört die Anpassung an veränderte äußere Umstände. Die robotische Revolution ist eine davon. Denn wenn es nicht genug Arbeit gibt, muss die weniger vorhandene besser bezahlt werden. Oder es wird noch ganz andere Formen der Entlohnung und Befriedigung von Grundbedürfnissen geben – das bedingslose Grundeinkommen ist da vermutlich nur ein Schritt, denn auch Zugangsgerechtigkeit muss neu gedacht werden. Man könnte vom hundertsten ins tausendste kommen. Zukunft, wir kommen.

zweitverwertet aus meinem Blog auf joergrupp.de


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13Sep

Grünzeug am Mittwoch 148: Längst nicht zu viele Zivilklauseln

Mit den Fraktionsklausuren in dieser Woche startet der Parlamentsbetrieb nach der langen parlamentarischen Sommerpause. Wobei die aus meiner Mitarbeitersicht durchaus auch eine ruhige Zeit zum Aufarbeiten von Liegengebliebenem ist. Auch deswegen gibt es in der Sommerpause die eine oder andere Anfrage. Zum Beispiel eine Kleine Anfrage (Drs. 15/2261), in der der Karlsruher Abgeordnete Alexander Salomon danach fragt, an welchen Hochschulen in Baden-Württemberg es jetzt schon Zivilklauseln gibt, und wo über deren Einführung diskutiert wird.

Zum Hintergrund: In der Forschungspolitik stößt die Politik immer wieder – aus meiner Sicht zu Recht – an die in Art. 5 des Grundgesetzes verankerte Forschungsfreiheit. Deswegen kann das Land Baden-Württemberg seinen Hochschulen auch nicht einfach im Landeshochschulgesetz vorschreiben, dass Forschung nur friedlichen Zwecken dienen darf. Dazu kommt die Leitlinie der Hochschulautonomie – und die in Grenzfällen durchaus knifflige Frage, was überhaupt Forschung für friedliche Zwecke ist.

An einzelnen Hochschulen gibt es – an der Universität Tübingen, im ehemaligen Kernforschungszentrum, das jetzt zum KIT gehört, und als Senatsbeschluss der Universität Konstanz – Selbtverpflichtungen zur Forschung für friedliche Zwecke. An anderen Hochschulen – in der Antwort des Wissenschaftsministeriums werden die Hochschule Offenburg, die Universität Ulm und die Universität Freiburg genannt – wird in den Hochschulgremien darüber diskutiert, ob sie sich einer Zivilklausel geben sollen.

Aus meiner Sicht wäre es sehr zu begrüßen, wenn möglichst viele Hochschulen in Baden-Württemberg diesen Weg gehen. Dafür gibt es allerdings zwei Voraussetzungen: eine starke interne Hochschuldemokratie, um derartige Selbstverpflichtungen überhaupt erst zu ermöglichen, und das Wissen darüber, über was an der Hochschule eigentlich geforscht wird, also Transparenz über Forschungsprojekte und Drittmittel. In beiden Punkten muss in der für 2013 anstellenden Novelle des Landeshochschulgesetzes Klarheit geschaffen werden.

Auch öffentliche Auflistungen der Forschungsprojekte und starke Hochschulgremien werden – das zeigt der Fall Tübingen – nicht verhindern, dass es Streitfälle geben wird. Aber, so meine ich jedenfalls: Es ist immer noch besser, WissenschaftlerInnen arbeiten über Projekte im Grenzbereich zwischen friedlicher und militärischer Forschung, und das wird breit öffentlich diskutiert, als Heimlichtuerei in dieser Sache. Um diese öffentliche Debatte zu ermöglichen, braucht es Zivilklauseln an baden-württembergischen Hochschulen.


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03Apr

es verändert sich etwas

Die Schule in Baden-Württemberg ist auf dem Weg der Veränderung. Mit der Regierungsübernahme vor einem Jahr konnten wir endlich beginnen, neue Akzente für ein besseres Bildungssystem in Baden-Württemberg setzen. Es gab und gibt ganz viele Baustellen – aber das Desaster in Hamburg mit der gescheiterten Einführung der sechsjährigen Grundschule hat uns allen deutlich gemacht, dass eine Schulreform tatsächlich nur funktionieren wird, wenn sie von unten kommt, wenn die Bürger_innen, die Eltern, die Schüler_innen und die Lehrer_innen den Weg mitgehen und Einflussmöglichkeiten auf diesen Weg behalten.

Neben der Finanzierung noch von der Vorgängerregierung, aber nicht finanzierten Maßnahmen wie unter anderem die Schaffung von mehr als 700 Lehrerstellen war eines unserer wichtigsten Anliegen die Abschaffung der verbindlichen Grundschulempfehlung. Die CDU in Baden-Württemberg hat bis zuletzt dagegen polemisiert, auch die Lehrerverbände sind nicht alle dafür – die GEW als größte Bildungsgewerkschaft begrüßt diesen Paradigmenwechsel jedoch. Einige Schulleiter an Gymnasien in Südbaden haben wohl versucht, die Grundschulzeugnisse zu bekommen, um wohl doch noch Auslese durch die Hintertür zu betreiben. Vor allem die Entlastung der Grundschule und die Beendigung einer frühen, erzwungenen Auslese und Demütigung ist ein großer Schritt in Richtung mehr angsfreie Schule.  Die Beratungsatmosphäre ist offenbar weitaus entspannter. Es ist ja nicht so, als würden die Eltern hinsichtlich des Wechsels ihrer Kinder auf weiterführende Schulen nicht mehr beraten – aber sie haben das letzte Wort. Und grundsätzlich tun Eltern zunächst einmal nichts, was ihren Kindern schadet. Die neu eingeführte Gemeinschaftsschule wird gut angenommen – es gibt offenbar mehr Anmeldungen als Plätze. Und die verfehlte G8-Struktur, die die CDU geschaffen hat, wird gerade durch die Abstimmung mit den Füßen – den großen Anmeldezahlen beim Schulversuch mit G9 – als das erkennbar, was sie schon immer war: in der Form falsch. STatt prognostizierten 1500 Anmeldungen gab es 2200 Eltern, die ihren Kindern lieber den längeren Weg ermöglicht hätten. Zum G8 und dem Schüler_innenbild bzw. dem Menschenbild, das dahinter steht, könnte man seitenweise Aufsätze schreiben. Trotzdem ist es so, dass eine 100%ige Rückkehr zum G8 so teuer würde, dass alle anderen Reformen hintenan stehen müssten. Insofern werden wir uns hinsetzen und dies so gestalten, dass es zukünftig wieder ein Leben nach der Schule ermöglicht. Und die Gemeinschaftsschule ermöglicht ja ebenfalls einen schülergerechteren Weg zum Abitur. Ich bin sicher, das dieser Paradigmenwechsel sinnvoller ist als eine Rückkehr zum G9 für alle.

Heute morgen lese ich der erzkonservativen Zeitung meiner Region, den BNN, eine Stellungnahme des VBE-Sprecher Michael Gomolzig. Er

sieht das Problem einer Rückflutwelle in zwei Jahren von an Gymnasium und Realschule gescheiterten Schülern

da es zu wenige Anmeldungen an den Haupt- und Werkrealschulen des Landes gibt. Die Eltern reagieren also. Auf die Freiheit. Und auf jahrelang einhergehende schlechtere Ausbildungschancen ohne Abitur oder Mittlere Reife. Aber das hier der VBE-Sprecher die freie Entscheidung auf der Basis der Beratung am Ende der Grundschule massiv in Zweifel stellt, delegitimiert, das ist schon ein starkes Stück. Denn insgesamt zeigt sich, dass die Eltern eben nicht massiv an Gymnasien anmelden und die armen Gymnsiallehrer_innen dann überfordert werden mit doofen Schüler_innen, die eigentlich auf die Hautschule gehörten. Nein, die Eltern und die Schüler_innen entscheiden überwiegend sinnvoll.

Die Lösung für den Erhalt der wohnortnahen Gemeindeschulen wird die Gemeinschaftsschule sein, in der individuelle und inklusive Bildung möglich ist, nach Stärken und Schwächen und nicht nach so homogen wie möglich zusammengewürfelten Klassen. Die Eltern werden richtig entscheiden. Das zeigen nicht nur die Anmeldezahlen in Baden-Württemberg – auch in Nordrhein-Westfalen gehen Eltern mit uns den Weg in eine bessere Bildungslandschaft. Unsere Ideen für eine bessere Bildung hat zuerst die SPD übernommen und verkauft sie heute als ihre eigenen – jetzt setzt sie gemeinsam mit uns diesen Weg um. Grün wirkt.


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07Dez

Grünzeug am Mittwoch 138: Studiengebührenabschaffung – morgen geht’s los

Ich habe noch nicht nachgeschaut, ob die Piratenpartei ihr „Kretschmann-o-Meter“ noch betreibt, und wenn sie es tut, ob sie es schon aktualisiert hat, aber morgen rückt die Umsetzung eines weiteren Wahlversprechens ein großes Stück näher. Morgen wird nämlich das Studiengebührenabschaffungsgesetz in erster Lesung in den Landtag eingebracht. Die Ausschussberatung folgt nächste Woche, die zweite Lesung noch vor Weihnachten, so dass das Studiengebührenabschaffungsgesetz zum 1.1.2012 in Kraft treten kann.

Das Gesetz wird dann alle Studiengänge an den staatlichen Hochschulen in Baden-Württemberg gebührenfrei machen; Ausnahmen sind alle Weiterbildungsstudiengänge, für die Gebühren erhoben werden müssen. Während das grüne Wahlprogramm noch die Möglichkeit enthalten hatte, die Gebührenfreiheit auf das Erststudium zu begrenzen, sieht der Gesetzentwurf eine solche Einschränkung nicht vor. Ebenso wird auf die Erhebung von Langzeitgebühren verzichtet.

Die ausfallenden Gebühren bekommen die Hochschulen ersetzt. Dafür werden „Qualitätssicherungsmittel“ eingeführt, die das Land an die Hochschulen zahlt (280,- € pro Kopf und Semester). Wichtig dabei ist, dass diese Kompensationsmittel nur für die Sicherung und Verbesserung der Qualität von Studium und Lehre
eingesetzt werden dürfen, und dass die Studierenden faktisch ein Vetorecht bei der Mittelverteilung erhalten. Damit wird Grün-Rot eine erste deutliche Stärkung der Rolle von Studierenden an den Hochschulen umsetzen.
Mit der in Arbeit befindlichen Verfassten Studierendenschaft zeichnet sich der zweite Schritt schon ab.

Nicht zuletzt wird mit dem Hesetz gleich noch ein zweites Versprechen umgesetzt, nämlich die Abschaffung verpflichtender Auswahltests.

Kurz: eine gute Weihnachtszeit für Studierende in BaWü!


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23Nov

Betreuungsgeld schadet Kindern und Eltern von Birgit Woelki und Kerstin Andreae MdB

Was Anfang November beim Koalitions-Basar von CDU, CSU und FDP ausgehandelt, wirkt allen bisherigen kommunalen Bemühungen um mehr Bildungsteilhabe und Chancengerechtigkeit entgegen.

In den letzten Jahren wurden im Freiburger Gemeinderat viele Maßnahmen zur Bekämpfung der Kinderarmut beschlossen: Ein-Euro- Mittagessen, Sprachförderung in der Kita, Schulstarterset, kulturelle Bildung, Ferienprogramme, Hausaufgabenhilfe, mehr Krippenplätze und Ganztagsschulen. All diese Angebote dienen dazu, Kindern aus sozial schwachen, bildungsfernen Familien oder Familien mit Migrationsgeschichte konkrete Hilfe zu leisten und gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen. Wenn die Kinder gut versorgt sind und sich frei entfalten können, kommt dies auch den Eltern – und hier vor allem den Müttern – zugute: Die Chancen steigen, über eine Erwerbsarbeit die gesamte Familiensituation zu verbessern.

Das Betreuungsgeld soll nun an Eltern ausgezahlt werden, die keinen Krippen- oder Kitaplatz für ihre zwei- bis dreijährigen Kinder in Anspruch nehmen wollen. Absurd: Vergütet wird die Nicht-Inanspruchnahme einer staatlichen Leistung. Eingeführt werden soll das Betreuungsgeld 2013, um „Wahlfreiheit
zu anderen öffentlichen Angeboten und Leistungen zu ermöglichen, […] in Höhe von erst 100€, im Folgejahr 150 €, gegebenenfalls als Gutschein. […]“.

Nicht nur für sozial benachteiligte Kinder ist diese Prämie für das Fernbleiben von einer Bildungseinrichtung kontraproduktiv, sondern auch für Kinder aus Migrantenfamilien. Gerade in der Kita werden Integrationsleistungen vollbracht, die den Kindern später in der Schule zugutekommen. Für Familien, denen sowieso wenig Geld zur Verfügung steht, sind 150 € im Monat durchaus ein Anreiz, die Kinder nicht in Betreuungseinrichtungen zu geben. VertreterInnen von Freiburger Kitas haben deshalb große Sorge, dass Kinder vom Kindergarten sogar wieder abgemeldet werden, um das Betreuungsgeld zu erhalten.

Frühkindliche Bildung ist aber die Voraussetzung für ein erfolgreiches Schul- und Berufsleben. Der Staat muss seine vorhandenen Mittel in den Auf- und Ausbau einer flexiblen und hochwertigen Kinderbetreuung konzentrieren. Politisch will sich die Bundesregierung mit der „Fernhalteprämie“ von der gesellschaftlichen Verantwortung und dem Ausbau einer bedarfsgerechten und flächendeckenden Betreuungsinfrastruktur im wahrsten Sinne des Wortes freikaufen.

Mit dieser Prämie werden zudem die althergebrachten Rollenbilder des männlichen Alleinverdieners mit der geringfügig beschäftigten Ehefrau zementiert. Die Folgen sind bekannt: prekäre Lebensverhältnisse nach einer Trennung und Altersarmut bei Frauen.

Das Betreuungsgeld birgt auch Gefahren für die kommunale Armutsprävention: Seit 2009 investiert die Stadt Freiburg auf Initiative der Grünen Gemeinderatsfraktion zusätzlich 400.000 € in die Sprachförderung im Kindergarten. Denn in der Schule sind sprachliche und feinmotorische Defizite kaum noch aufzuholen.
Christiane Zahn, Gründerin des Vereins MiKiXX zur Förderung von Migrantenkindern beklagt, dass oft genug diese Kinder mit ungenügenden Deutschkenntnissen in die Schule kommen und die erste Klasse wiederholen müssen. Das Betreuungsgeld gefährdet somit die Schulreife.

Gestoppt werden kann das Betreuungsgeld mit einer auch von Baden-Württemberg bereits ins Rollen gebrachte Bundesratsinitiative. Darin wird die Bundesregierung aufgefordert, stattdessen stärker in frühkindlichen Bildung und Betreuung für Kinder unter drei Jahren zu investieren.


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28Jul

Grünzeug am Mittwoch 128: Gute Nachrichten

Baden-Württemberg schafft die Studiengebühren wieder ab! Mit dem Kabinettsbeschluss über die Eckpunkte eines Studiengebührenabschaffungsgesetzes gab Theresia Bauer am Dienstag den offizielle Startschuss für dieses Vorhaben. Das freut mich umso mehr, als es gerade bei uns Grünen ja immer wieder Debatten darum gab, ob bestimmte Formen von Studiengebühren nicht vielleicht doch sinnvoll sind – etwa nachlaufende Gebühren oder Zeitkontingente. Der Kabinettsbeschluss setzt jetzt um, was auf Grundlage der Wahlprogramme von uns und von der SPD in den Koalitionsvertrag geschrieben wurde: Abschaffung der Studiengebühren zum Sommersemester 2012 (letztmalig fallen dann für dieses Wintersemester Gebühren an), Kompensation der wegfallenden Mittel für die Hochschulen (inklusiv Zuwachs bei wachsender Studierendenzahl), Stärkung der studentischen Beteiligung an der Vergabe der Kompensationsmittel. Eine hochschulpolitisch runde Sache, finde ich.

Wie gesagt: Dieser Beschluss ist der Startschuss, dem sich jetzt das Gesetzgebungsverfahren mit Anhörungsphase etc. etc. anschließt. Der Zeitplan dafür sieht vor, dass das Studiengebührenabschaffungsgesetz zum 1.1.2012 in Kraft treten kann – und selbst das ist schon ein straffes Vorhaben mit wenig Luft. Während der Koalitionsverhandlungen wurde von einigen in der SPD noch lauthals die sofortige Abschaffung verkündet – jetzt zeigt sich, dass es richtig war, kein Versprechen in den Koalitionsvertrag aufzunehmen, das nicht gehalten werden kann. Dafür wird die im Vertrag angekündigte Abschaffung der Studiengebühren zum Sommersemester 2012 jetzt umgesetzt: Der Wechsel kommt, auch an den Hochschulen!


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01Mrz

The kids are alright! Are they?

Nein, das hier ist kein Kommentar zur Oscar-Verleihung! Auch wenn ich der in der Überschrift angespielten Drama-Komödie um Patchwork-Homosexualität gerne einen Academy-Award gegönnt hätte.

Die Vereinigten Staaten gelten nicht gerade als Hort von Fürsprechern von Gerechtigkeit ziwschen den Generationen. Man könnte etwas plump sagen: Die Amerikaner leben (und leiden) immer im Hier und Jetzt. Umso mehr überrascht es mich, dass in der Debatte um Senkung der Staatsausgaben gleich zwei Promis zeitgleich ihre Stimmen für die Jugend erheben: der linksliberale Nobelpreisträger Paul Krugman und der konservative Kommentator der New York Times David Brooks.

Krugman befürchtet, dass der Großteil des fiskalischen Austerität zu Lasten der Kinder geht. Mit Hinblick auf die niedrige Staatsquote in Texas heißt es: „You have to wonder — and many business people in Texas do — how the state can prosper in the long run with a future work force blighted by childhood poverty, poor health and lack of education.“ Und damit nicht genug: Krugman macht dann das deutlich, worauf ich immer versuche hinzuweisen: Generationengerechtigkeit, darf nicht als Deckmantel für den Rückzug des Staates instrumentalisiert werden. Deswegen: „The next time some self-proclaimed deficit hawk tells you how much he worries about the debt we’re leaving our children, remember what’s happening in Texas, a state whose slogan right now might as well be Lose the future.

Die ZDF-Dokufiction 2030 – Aufstand der Jungen hat neulich wieder mal den Krieg der Generationen auf die Agenda gesetzte. Schnell wird dann von allen Seiten abgewiegelt: Das ist Material fürs Drehbuch, nicht für die Politik. Aber wer weiter denkt, kommt zwangsläufig zu einem anderen Schluss. Politik (und deren Finanzierung) ist immer eine Frage der Priorität. Entscheidet man sich für A, muss man B zur Seite schieben. Will man mehr von X, gibt es eben weniger Y etc.

Deswegen liegt Brooks mit seinen zwei Haushalstregeln vollkommen richtig: „Make Everybody Hurt. The sacrifice should be spread widely and fairly. A second austerity principle is this: Trim from the old to invest in the young. We should adjust pension promises and reduce the amount of money spent on health care during the last months of life so we can preserve programs for those who are growing and learning the most.“ Er gibt aber auch gleich den grund dafür an, warum, die Regeln mit Füßen getreten werden: „Seniors vote. Taxpayers revolt. Public employees occupy capitol buildings to protect their bargaining power for future benefits negotiations. As a result, seniors are being protected while children are getting pummeled. If you look across the country, you see education financing getting sliced — often in the most thoughtless and destructive ways. The future has no union.“ So ähnlich war (und ist) es bei uns, als man am Sonntag von der Bildungsrepublik Deutschland schwärmte, um am Montag Rentengarantie und Abwrackprämie einzuführen.


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