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Wirtschaft & Soziales » Liebe Beamte
01Jul

Liebe Beamte

ich verstehe das, ehrlich. (habs mal unten nach oben kopiert, sonst wirds nicht deutlich: dies ist ein Rant)

[…]die für die Tarifbeschäftigten bereits beschlossene zweistufige Erhöhung um 5,6 Prozent für die 180 000 Landesbeamten und 100 000 Versorgungsempfänger wird nur verzögert wirksam. Die Dauer der Verschiebung ist sozial gestaffelt und liegt zwischen sechs und zwölf Monaten.

5,6%. So viel Geld, auf das ihr ein Jahr lang warten müsst. Euer Beitrag zur Konsolidierung des baden-württembergischen Haushalts. Ein kleiner Beitrag.

Die Stuttgarter Zeitung, nun wirklich kein Hort grün-roter Berichterstattung, legt die Berechnungen Eurer Lobby vor:

Nach Berechnungen des Beamtenbundes hat ein lediger Hauptschullehrer mit einem Jahresbrutto-Salär von rund 40 000 Euro in den Jahren 2013 und 2014 Einbußen von 1745,27 Euro zu verkraften, eine Oberstudienrätin mit 50 000 Euro brutto insgesamt 2839 Euro.

Das sind jeden Monat schlappe 145 € im Monat. Man muss dazu sagen: bei über 3300 € jeden Monat. Klingt für mich nicht nach neuer Armut. Besser noch: bei knapp 4200 € jeden Monat fehlen 236 €. Aber sie werden Euch ja nicht weggenommen, ihr kriegt sie nur ein bißchen später. Ungerecht? Naja, ich würd sagen: unangenehm. Eine kleine Zahl dazu:

Der Anstieg der tariflichen Monatsverdienste lag in Deutschland zwischen 1,5 % im Bereich „Grundstücks- und Wohnungswesen“ und 3,2 % im Verarbeitenden Gewerbe. In Frankreich erhielten die Beschäftigten im Schnitt ein Tarifplus zwischen 1,9 % im Wirtschaftsbereich Verkehr und Lagerei und 2,4 % im Verarbeitenden Gewerbe sowie im Gastgewerbe.

Ja, da sind 5,6% ein echtes Problem.

Schön fand ich auch:

„Mein Mann ist auch Lehrer.“ Sie rechnet mit mehreren 100 Euro Verlust in diesem und nächsten Jahr. Wo man noch in der Haushaltskasse streichen kann? „Vielleicht am Urlaub“, meint die Mutter von drei Kindern unsicher.

Ihr Armen. Hättet Ihr doch was G‘Scheites gelernt. Nicht Lehrer. Da verarmt man ja. Zwei Lehrergehälter. Also ungefähr 80.000 €  Bruttoeinkommen. Da kann man kaum von leben. Wo man doch so viele Ferien hat. Ich vergaß: ihr habt ja auch „nur“ 30 Tage Urlaub wie alle anderen. Wie, die haben nur 24 Tage? Na siehste, da braucht man auch nicht so viel Geld für Urlaub.

Ja, das ist nicht ganz der feine, sachliche Ton (sondern man nennt das in #Neuland einen Rant), aber den schlagt Ihr ja auch nicht an mit: Melk uns weiter, Winfried. Wie man es in den Wald schreit, so hallt es wieder heraus, sagt man.

So, und nun mal ernsthaft: die Arbeitnehmer dieses Landes haben fast überall immer wieder auf Löhne, Lohnerhöhungen, Tarifleistungen, Arbeitszeitverkürzungen verzichtet, um ihren Arbeitgeber zu entlasten. Wir kennen das aus allen Branchen. Ich selbst habe das auch schon mitgemacht und verzichte aktuell auf rund 400 € monatlich. Ich habe nicht drei Kinder, sondern fünf und meine Frau ist keine Lehrerin, sondern selbstständige Ergotherapeutin. Die Stundensätze für Ergotherapie werden auch nicht erhöht, sondern sind nachhaltig auf einem niedrigen Niveau.

Der Haushalt des Landes Baden-Württemberg steht gewaltig unter Druck, die Schuldenbremse in der Verfassung sorgt dafür, dass Geld eingespart werden muss. Überall. Gleichzeitig schiebt das Land einen Investitionsstau vor sich her. CDU und FDP haben in 58 Jahren Regierung einen gewaltigen Schuldenberg aufgebaut, der abgetragen werden muss. Und jetzt kommt Ihr und wollt dazu nichts beitragen? Vor kurzem konnte ich meiner regionalen Zeitung lesen, dass sich die Damen und Herren Lehrer aufregen, dass sie Parkgebühren auf Schulparplätzen bezahlen müssen – 150m von der nächsten S-Bahn-Haltestelle entfernt.

Das ganze Land geht durch die Krise, die Arbeitslosenzahlen sind nur durch massive Umverteilung von Ganztagsstellen auf Teilzeit- oder Minijobstellen so gut – real dürften es 5 bis 6 Mio Arbeitslose sein – ein Zustand, den es für Euch nicht gibt. Und da macht Ihr rum wegen 5,6%, die ein Jahr verschoben werden?

Ihr müsst auf Geld verzichten – ja. Ihr müsst auf soviel Geld verzichten, wie ein Hartz-IV-Empfänger für 10 Tage zum Leben hat. Macht Euch das mal klar. Ihr jammert auf hohem Niveau.

Nur in einem gebe ich Euch recht. Die SPD, mit uns in der Regierung, deren Minister diesen Kompromiss mit Euch ausgehandelt hat, ist für eine Diätenerhöhung und wollte diese nicht zusammen mit uns verschieben. Wir finden, die Abgeordneten hätten sich beteiligen können am Sparzwang. Aber auch die von der CDU und FDP – Schuldenkönige – wollten das nicht. Solidarität hört bei diesen Parlamentarieren auch an der Naht zur eigenen Hosentasche auf. In diesem einen Punkt habt ihr recht. Und ansonsten: ich an Eurer Stelle wäre mit hoher Besoldung, verbilligten ÖPNV-Tickerts und nicht zu vergessen der sehr teuren Beihilfe, die Euch die Logenplätze beim Arztbesuch verschafft, ganz still und ein wenig demütig. Aber ich vermute mal, dass es gar nicht um die verschobene Erhöhung geht….

Wir bekommen diesen Haushalt nur in Griff, wenn wir alle zusammen die Ärmel hochkrempeln. Und dazu müsst auch Ihr Euren Beitrag leisten. Zumindest einen kleinen.

Ergänzend: die Alternative zu dem Vorschlag wäre (gewesen und sozial gerechter): alle Besoldungsstufen bis sagen wir A10 erhält die Erhöhung, alle anderen warten zwei Jahre. Oder?

P.S.: (ich bedaure meine Tippfehler und dass ich sie so lange nicht korrigiert hatte. Es gab da ein Problem mit meinem Passwort…)

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Kommentare

  1. Labadida15. Juli 2013

    Reallohnverluste bleiben Reallohnverluste. Da hilft es auch nicht einfach die Inflationsrate zu ignorieren. Wenn man sich dann noch als Heulsusen beschimpfen lassen muss, ergibt das zumindest mal einen Grünen Wähler weniger.

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  2. Janine29. Juli 2013

    Beim Lesen des Beitrages muss ich oft schmunzeln – ich wurde auch mehrere Jahre konfrontiert und erkenne viele der beschriebenen Situationen wieder, bzw. könnte dazu meine ganz eigene Geschichte erzählen.

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  3. Tom14. August 2013

    Es tut mir wirklich leid, aber das Beamtengejammer finde ich wirklich unerträglich angesichts der unverschämten, durch nichts zu rechtfertigenden Privilegien dieser Berufsgruppe. Die gute Bezahlung ist nur eines der Privilegien; laut Studie des RWI haben in Deutschland Beamtenhaushalte das höchste Nettoeinkommen aller Haushaltstypen. Sie haben mehr als Selbstständige und deutlich mehr als Angestellte. Die Tariferhöhung für Angestellte eins zu eins auf Beamte zu übertragen, ist ohnehin höchst ungerecht, weil Beamte viel mehr Netto vom Brutto haben als Angestellte. Mit jeder Erhöhung, die übertragen wird, wächst also der Netto-Vorsprung der Beamten. Vor diesem Hintergrund öffentlich von „Enteignung“ zu kreischen, wenn eine Erhöhung bloß um ein paar Monate verschoben wist wirklich zum K… Schämt euch.

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  4. Transparent2423. August 2013

    Nun, für jeden werden die Zeiten schwieriger. Es ist erstaunlich dass es schon so früh bei den Beamten losgeht, es ist aber nur die Spitze des Eisberges. Inflation
    und weitere Sparmaßnehmen werden kommen- Zeit zum Kosten senken!!!

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  5. Joachim Schütz15. September 2013

    Hi,
    angesichts der letzten Beschlüsse bei der letzten Bundesdelegiertenversammlung der GRÜNEN – und da bes. im Steuerbereich – habe ich mir überlegt, wer einen solchen Unsinn (der uns mit Sicherheit bei der aktuellen Wahl eine Niederlage bescheren wird) beschlossen hat!
    Die Antwort findet man in dem obigen Beitrag…
    Könnte es sein, dass Herr Rupp als Delegierter dort war?

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    • Jörg Rupp15. September 2013

      „Unsinn“ ist ja nun ein sehr kräftiges Argument und überhaupt nicht fundiert. Der Zusammenhang zwischen den Steuerbeschlüssen – die ja eine breite Mehrheit haben – und diesem Rant ist mir auch nicht ganz klar. Und wer ist „uns“? Ein Grüner können Sie ja kaum sein, wenn Sie mich siezen.

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  6. Gerhard25. September 2013

    Joachim Schütz hatte recht, die Grünen hat es bei der aktuellen (Bundestags-) Wahl ein bisschen gebeutelt.
    Ich glaube aber nicht, dass es diejenigen waren, denen die Steuererhöhungsvorhaben einen Nachteil gebracht hätten. Die haben früher schon kaum die Grünen gewählt.

    Viel eher waren es die Beamten, die bei der Nicht-Gleichbehandlung der öffentlich Beschäftigten wieder den Kürzeren gezogen haben. Da gab es in Baden-Württemberg schon viele davon …

    Auch die Neid-Debatte, die damit von den Grünen angefacht wurde und die auch Herr Rupp gut kann, trägt nicht dazu bei, dass Beamte den Grünen „grün“ sind. Meine Stimme ging diesmal NICHT an die Grünen.

    Mal sehen, ob der Gerechtigkeitssinn bei den Grünen für Beamte wieder erkennbar wird. Ich glaube, bei den Pensionen könnte das der Fall sein, wenn Herr Kretschmann von seinem Pensionen-Kürzungs-Ansinnen wieder Abstand nimmt.

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    • Jörg Rupp27. September 2013

      Ich glaube, dass alle einen Beitrag leisten müssen. Die vorherige Regierung hat es versäumt, Rücklagen für die Pensionen zu schaffen. Das kommt aus der Vergangenheit, ist vorbei, nicht mehr zu reparieren und ein Fakt. In der Zulunft kommt die Schuldenbremse. Ebenfalls unumstößlich. Die Personalkosten im Haushalt umfassen ungefähr einen Anteil von 40%. Das heißt: alle müssen etwas beitragen. Auch die Beamten. Und dann am besten nicht die mit A8 bis A11 oder 12. Oder zumindest weniger als die mit besserem Einkommen. Um die Handlungsfähigkeit zu erhalten, muss also was passieren. Und ich finde, man darf und muss über alles nachdenken.

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  7. Gerhard29. September 2013

    Es geht gar nicht darum, dass die Beamten sich dem Zwang zum Sparen im Landeshaushalt verweigern. Bitte genau zuhören bzw. lesen. – Bei den Tarifverhandlungen für den öffentlichen Dienst wurde dieser Sparzwang ja bereits berücksichtigt. Hier wurde ja bei den Verhandlungen auch dieser Aspekt berücksichtigt.

    Also – was gibt es dann für einen Grund, einen TEIL des öffentlichen Dienstes noch mit ZUSÄTZLICHEN Verschlechterungen des Verhandlungsergebnisses zu belasten? Nur diese Ungerechtigkeit führt zu Protesten bei den Beamten.
    Sie dürfen das gerne aus Ihrer Sicht anders beurteilen, aber aus meiner Sicht ist das faktisch die Ausnützung eines Abhängigkeitsverhältnisses (Ausnützung der Tatsache, dass ein Beamter nicht streiken darf).

    Ich finde, ein solches Verhalten ist der Grün-Roten Landesregierung nicht würdig.

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    • Jörg Rupp29. September 2013

      Ich habe diesen Rant lediglich auf diesen Artikel in der Stuttgarter Zeitung reagiert, der mir wirklich sehr aufgestoßen ist. Ich nehme in der Beamtenschaft sehr deutlich ein „bei anderen ja, aber nicht bei mir“ wahr. Ich finde, so ab A11/12 wird das ganze doch sehr zum Jammern auf hohem Niveau. Die Vorgängerregierung hat keinerlei Rücklagen für die Pensionszahlungen gebildet. Irgendwie muss das alles finanziert werden, dazu noch unter der Schuldenbremse. Insofern sind Kürzungen oder Erhöhungsverschiebungen unumgänglich. Das sollte allerdings nicht die Gruppen unterhalb von A 11 treffen. Und auch im ÖD muss man genau schauen. Aber parallel dazu – Einzelgeschichten, ich weiß – hört man von Lehrerinnen, die ihren Akku fürs Pedelec im Lehrerzimmer laden und freitags noch den Ersatzakku mitbringen, damit sie übers Wochenende kommen. Das macht es nicht einfacher, den aus der Sicht der Beamten vllt. gerechtfertigten Protest unvoreingenommen zuzuhören.

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  8. Ein wirklich gelungener Rant. Daumen hoch!

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