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Bildung & Wirtschaft & Soziales » eine Politik für morgen
07Apr

eine Politik für morgen

605552_web_R_by_Dieter Schütz_pixelio.de

Ich schreibe hier und an anderer Stelle ja schon länger immer mal wieder das „robotische Revolution“. Analog zur industriellen Revolution leben wir in einer Zeit, in der sich die Arbeitswelt massiv verändert. Roboter übernehmen zunehmend Aufgaben, die bislang von Menschen ausgeführt worden sind. An einiges haben wir uns gewöhnt, an anders wird heute noch gar nicht gedacht, manches wird gerade eingeführt. Aber der Weg ist noch lange nicht zu Ende. Ich möchte ein paar Beispiele geben, um deutlich zu machen, wohin der Weg gehen kann und vermutlich auch wird. Nichts ist so durchsetzungsfähig wie der Fortschritt. Es ist an uns, zu definieren, wie wir ihn gestalten wollen.

Arbeitsplätze werden verschwinden. Und es wird keine neuen dafür geben. Unternehmen werden zusehends Berufe in Aufgabengebiete aufteilen und automatisierbare Aufgaben zuerst outsourcen und irgendwann diese outgesurcten Arbeitsplätze robotisieren. Die Folgen werden mehr und mehr im Arbeitsbereich „gering und geringer qualifizierte Tätigkeiten“ weitreichend sein. Beispiele gefällig?

Ich hab ja Einzelhandelskaufmann im Lebensmittelhandel gelernt. Gehe ich heute einkaufen, kann ich die Veränderungen sehen: Scannerkasen, RFID-Chips, Auspackteams, genormte Läden, genormte Regale. Es gibt Vorschriften in Bezug auf die Artikel, die Läden haben dürfen. Es gibt Vorschriften, in welchem Regal welcher Artikel steht. Während wir früher noch selbst Abteilungen umgebaut haben, aus dem großen Sortiment heraus bestimmt haben, was wir bestellen und wohin wir es räumen, über Erst- und Zweitplatzierungen nachgedacht haben, Spiegel gesetzt haben (also bestimmt, wo welcher Artikel im Regal steht), wir haben Ware ausgezeichnet und damit auch ausgepackt aus den Kartons, die heute sehr oft einfach nur noch an perforierten Stellen aufgerissen werden und die Ware im Karton ins Regal gestellt werden. Kassenabrechnungen erfolgen automatisch, Umsätze werden online übertragen, Bestellungen vom Warenwirtschaftssystem ausgeführt, Lagerhaltung genormt. Und noch einiges mehr.

Es ist folgendes Szenario nicht nur denkbar, sondern teilweise Realität und in Blick, was in  anderen Branchen auch ohne weiteres vorhersehbar:

Jeder Artikel erhält einen RFID-Chip. Obst und Gemüse und andere Wiegeware gibt es nur noch in genormten Größen in bestimmten Behältern. Der Kunde befüllt seinen Einkaufswagen mit allen Artikeln, die er möchte. An der Kasse steht ein Kassenautomat (Roboter), der die Funkimpulse empfängt, auswertet, addiert und die Zahlung via Karte oder Bargeldzähler entgegennimmt. Der ganze Laden wird mit Kameras überprüft, was Diebstahl unmöglich machen wird. Verdächtiges Verhalten führt zu Stichproben. Die Ware wird von einem selbstfahrenden LKW angeliefert, ins Lager gesetzt. Dort übernehmen Warenroboter, wie wir sie aus Großlagern kennen, die Verteilung im Laden, in dem die Waren immer an derselben Stelle stehen. Ein Roboter kann die Waren einräumen, der ist auch nie zu faul, alt vor neu zu platzieren. Putzroboter halten den Laden sauber, auch wenn etwas herunterfällt. Mit Kameras problemlos zu erkennen. An jedem Artikelstandort im Regal hängt ein QR-Code, sodass die Kunden mit ihrem Smartphone Informationen zum Artikel abrufen können, wenn sie das wollen. Da kein Personal mehr gebraucht wird, gibt es auch keine Öffnungszeiten mehr. Alles andere gibt es im Internet oder in extra Läden wie Hofläden oder Branchenläden. Selbiger Szenario ist auf den kompletten Einzelhandel übertragbar. Bücher werden eh zusehends vom Markt verschwinden wie die Platten- und CD-Läden. Sofern überhaupt noch Läden notwendig sein werden, ist jeder Artikel auf diese Art und Weise verkaufbar. Wer etwas anders möchte, wird teuer dafür zahlen müssen.

Taxifahrer werden aussterben, weil es analog zu den DB-Fahrrädern überall selbstfahrende Autos in Car-Sharing-Form  geben wird oder man Zugang mittels Smartphone (oder was auch immer darauf folgt), haben wird. Oder man löst eine Karte an einem Fahrkartenautomaten. Und mit den selbstfahrenden Autos wird der Fahrlehrer aussterben. Der LKW-Fahrer. Es wird eine Weile dauern, aber es wird passieren. Und es ist ja auch logisch: der Automat wird immer besser reagieren als ein Mensch. Züge könn(t)en heute schon komplett alleine fahren.

Die Pflege wird weitgehend automatisiert werden. Es gibt heute schon Roboter, die einen Teil der Pflegeaufgaben übernehmen. Essen zubereiten, servieren, Geschirr säubern, aufräumen. Ohne Probleme auf diese Art und Weise machbar. Automatisierte Restaurants? Von McDonalds dahin ist es nur ein kleiner Schritt. Automatisierte Landwirtschaft? Keine große Sache. man wird fast alles mit Robotern anpflanzen, pflegen, ernten können.

Und so weiter, und so fort.

Was folgt daraus? Wir brauchen eine Bildungspolitik, die dem gerecht wird. Die die Menschen heute schon mit der Technologie vertraut macht. Wer braucht Zehn-Finger-tippende Sekretär_innen, wenn die Spracherkennung das Tippen übernimmt? Wer braucht einen Buchhalter, wenn Einkauf und Versand automatisiert werden? Die Menschen besser ausbildet und Kinder nicht früh in Kategorien presst, sondern ihre individuellen Stärken herausfindet und zulässt, dass es Kinder gibt, die eben nicht gut rechnen, aber dafür gut konstruieren können – und in der Lage sind, mit einem Hilfsmittel gute Ergebnisse zustande bekommt.

Wir brauchen einen Arbeitsmarkt, der in der Lage ist, Arbeitnehmer_innen, die aufgrund von Automatisierung ihren Arbeitsplatz verlieren, eine Perspektive bieten kann. Wir brauchen eine sehr radikale Arbeitszeitverkürzung – und eine Steuerpolik, die einen Teil der Mehrgewinne auffängt und in entsprechende Ausgleiche investiert. Wir brauchen gesellschaftliche Aufgaben, die Menschen fordern und eine Demokratie, die in der Lage ist, Menschen mit mehr Zeit auch Raum für Engagement und Einfluss zu geben.

Wir brauchen Politiker_innen, die in der Lage sind, in langen Linien zu denken. Ein Zukunftsministerium, das Entwicklungen früh erkennt und entsprechend in den Ressorts Pläne entwickelt, wie man dem gerecht wird. Eine Datensicherheitspolitik, die die Menschen lehrt, in einer Informationsgesellschaft die eigenen Daten zu schützen und Angriffe erkennt.

Wer aber immer nur bis zur nächsten Wahl denkt, wird von solchen Entwicklungen überrollt werden. Schaue ich mir die Altparteien an, dann stelle ich fest, dass es ein starkes Verharren in bekannten Positionen gibt. Es gibt bei uns gerade mal ein paar Ansätze für diese Zukunftsthemen. In anderen Parteien sehe ich das eher gar nicht. Wir brauchen Menschen,die sich dieser Themen annehmen. Nicht nur in der Politik, auch in der Gesellschaft. Denn weitere Fragen wie Urheberrecht und Patente spielen da ebenfalls hinein: wem gehört das Wissen, das die ganze Menschheit voranbringt?

Die Zukunft wird spannend. Aber sie muss vor allem dafür sorgen, dass sie erfüllend bleibt für alle Menschen. Dazu gehört die Anpassung an veränderte äußere Umstände. Die robotische Revolution ist eine davon. Denn wenn es nicht genug Arbeit gibt, muss die weniger vorhandene besser bezahlt werden. Oder es wird noch ganz andere Formen der Entlohnung und Befriedigung von Grundbedürfnissen geben – das bedingslose Grundeinkommen ist da vermutlich nur ein Schritt, denn auch Zugangsgerechtigkeit muss neu gedacht werden. Man könnte vom hundertsten ins tausendste kommen. Zukunft, wir kommen.

zweitverwertet aus meinem Blog auf joergrupp.de

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Kommentare

  1. G. Barth14. April 2013

    Ganz eindeutig: Die Zukunft ist herausfordernd (aber das war sie schon immer)! Hier muss man sich auf seine Ressourcen besinnen, wo wir beim Thema der Rohstoffe nicht gerade in der Pole-Position stehen. Folgerichtig werden auch die besonderen Anforderungen an die Bildungspolitik erwähnt!
    Hier möchte ich aber zu bedenken geben, dass ausgerechnet die Grünen sich anschicken, an dieser Stelle die meiste Zerstörung anzurichten. Neben den „interessanten“ neuen Schulformen erinnere ich an eine völlig einseitige Sparpolitik zu Lasten des Bildungswesens und jedes einzelnen Lehrers im Lande: Während Automobilfirmen ihren Mitarbeitern mehrere Tausend Euro Erfolgsprämien auszahlen und auch die Steuereinnahmen endlich einmal wieder sprudeln, während überall in der Presse verlautbart wird, dass vom Wachstum endlich auch einmal wieder etwas „Unten“ ankommen muss, wird uns Landesbeamten (ich bin Lehrer) eine MINUSRUNDE verordnet – mit realistischer Aussicht auf weitere Sonderopfer in absehbarer Zeit. Von einem Sonderopfer seitens der Banken und anderer Verursacher der leeren öffentlichen Kassen habe ich bislang nichts vernommen. Noch schlimmer die Weichenstellung für den Lehrernachwuchs: Wer unter dieser Landesregierung ins Lehramt möchte, der braucht schon den großen Idealismus, sich als Akademiker jahrelang mit einem Lehrlingseinkommen zufrieden zu geben. Was meinen Sie wohl, wie sich diese Wertschätzung auf die Motivation des Lehrpersonals auswirkt? Ich würde derzeit jeden jungen Menschen vor der Entscheidung für den (eigentlich sehr schönen) Lehrerberuf warnen!
    Die Herausforderungen der Zukunft sehen und benennen ist das eine – die Weichen entsprechend zu stellen das andere…

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  2. James29. April 2013

    Ich kann meinem Vorredner nur zustimmen!

    Ich bin seit 18 Jahren treuer Wähler der Grünen (wie auch viele meiner Kollegen), aber die letzten Monate haben mich zutiefst enttäuscht.
    Ich bin nicht naiv, ich wusste, was die Grünen vorhaben und was das für mich als Gymnasiallehrer bedeuten könnte und habe dennoch Grün gewählt. Aber das, was nun geschieht, halte ich aus persönlicher und auch aus beruflicher Sicht für katastrophal.
    Über die (direkten und indirekten) finanziellen Einschnitte bin ich entsetzt. Natürlich bin ich bereit, meinen Beitrag zu leisten. Wirklich! Aber das, was hier geplant ist und v.a. auch für Familien mit Kindern einen zusätzliche Belastung bedeutet, kann ich nicht mittragen. Es gibt Berechnungen, die zeigen, dass uns ein finanzieller Nachteil von bis zu 560€ monatlich treffen könnte. Wisst ihr das überhaupt??? Interesse dafür zeigt keiner.

    Über neue Bildungskonzepte nachzudenken ist löblich und sinnvoll. Viel kann verbessert werden. Aber das kostet Geld! ES KOSTET GELD! Wenn hier in Ulm (neuste Zahlen von heute – SWP) 29% der Kinder, die nach der Grundschule auf das Gymnasium wechseln, KEINE Gymnasialempfehlung haben und dann gleichzeitig die Stunden für die Hausaufgaben zusammengestrichen werden, dann frag ich mich wie hier 1. individuelle Förderung stattfinden soll und 2. wie um alles in der Welt das Niveau der Gymnasien gehalten werden kann?

    Und abschließend möchte ich noch eines ganz klar zum Ausdruck bringen: Wenn sinnvoll über das Schulsystem debattiert und entschieden werden soll, dann MÜSST ihr uns auch miteinbeziehen. Ihr sprecht doch immer von Basisdemokratie und dann sitzen in euren Expertengremien und Ausschüssen Doktoren aus Berlin, Theoretiker, Politiker und wo sind die Stimmen derer, die tagtäglich im realen Leben an der Schule arbeiten? WIR sind die Experten!
    Mich erinnert alles sehr an die Gutsherrenart der CDU/FDP-Regierung. Alles von oben delegieren, ohne jegliches Interesse an denen, die dann alles Umsetzen müssen.

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