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Europa & Wirtschaft & Soziales » Es gibt sie noch, die gute Wissenschaft
04Aug

Es gibt sie noch, die gute Wissenschaft

Die deutsche Politik hat sich in die Sommerferien verabschiedet, aber nicht ohne nochmal kräftig in Richtung EZB nachzutreten. Es ist besonders bemerkenswert, dass gerade die Koalitionäre gegen Draghis Plan wettern, italienische und spanische Staatsanleihen zu kaufen, um deren Zinsdruck zu mindern. Immerhin war und ist es ihre Bundeskanzlerin, die die EZB zu diesen Schritten forciert hat – mag man jetzt für oder gegen die Anleihekäufe sein. Viel spannender aber sind die derzeitigen wirtschaftswissenschaftlichen Deabtten. Leider bekommt die deutsche Medienlandschaft wieder nur die Hälfte mit, und dann auch noch die weniger wichtige Hälfte: Weil die Journalisten offensichtlich überfordert sind lange, und zum Teil komplexe Studien zu lesen, zu verstehen und darüber zu schreiben, verlassen sie sich auf Altbewährtes, also auf Stimmen wie Hans-Werner Sinn, Mitunterzeichner des Briefes gegen eine Bankenunion, oder die des Sachverständigenrates, der für einen Altschuldentilgungsfonds und eine Bankenunion in einem aktuellen Sondergutachten wirbt.

Die wirklich interessante wissenschaftliche Musik spielt derzeit aber woanders, drei Beispiele: Da ist einmal der Council des Institute of New Economic Thinking, die in den letzten Jahren kein gutes Haar am Status Quo der modernen VWL gelassen haben. Übrigens auch keines an der Bundeskanzlerin. Jetzt sind 17 Volkswirte mit einer Art Masterplan gegen die Eurokrise aufgetrumpft. In dem Papier geht es um die unkalkulierbaren Kosten des Euro-Breakdown, einer mittelfristigen Bankenunion, einer Umschuldung überschuldeter Staaten, einer strengeren Finanzmarktregulierung und – last but not least – einer vergemeinschafteten Haftung in Europa (vulgo Eurobonds).

Anknüpfend an den letzten Punkt möchte ich auf einen Vorschlag des deutschen Ökonom Markus Brunnermeier aus Princeton aufmerskam machen. Es hat sich Gedanken über eine Variante von Eurobonds gemacht, die einerseits politisch durchsetzbar (damit ist die Bundesrepublik gemeint) und ökonomisch praktikabel und sinnvoll ist. Brunnermeier und seine Kollegen nennen ihren Vorschlag Euro Safe Bonds (ESBies). In der Debatte um Eurobonds (Brunnermeier besteht darauf, dass ESBies eben keine Euro-Bonds sind) halte ich diesen Vorschlag für den bislang besten. Der Blogger Kantoo fasst ihn so zusammen :

„Kurz gesagt benutzt man pooling, tranching und ein credit enhancementum aus den europäischen Anleihen sichere Anleihen zu machen, und ändert EZB Prozeduren und Bankenregulierung entsprechend.

  • Pooling bedeutet, dass man Staatsanleihen aller Länder der Eurozone in einem festen Verhältnis in einen Topf packt. Dieser Topf ist dann ein neuer Fonds.
  • An diesem Fonds können Investoren nun zwei verschiedene Anteile kaufen (durch tranching): einmal die junior tranche, die zwar höhere Renditen erbringt, aber dafür auch die erste ist, die bei Verlusten auf die Staatsanleihen weniger bekommt. Sie ist eine risikoreiche Anlage. Erst wenn die junior tranche bei einem Ausfall von einigen Staatsanleihen vollständig weg ist, weil die Verluste so hoch waren, trifft es die senior tranches, die zweite Art von Anteil, die man an diesem Fonds kaufen kann. Diese senior tranches, oder ESBies, werfen zwar weniger ab, sind aber dafür auch sehr sicher.
  • Das credit enhancement bedeutet, dass die europäischen Staaten noch zwischen junior und senior tranche einen Puffer einbauen, in Form von hinterlegten assets wie Gold. Das bedeutet, dass nach der junior tranche erst noch diese Reserven geleert werden bevor die Halter der senior tranche angetastet werden.“

Drittens haben die Volkswirte des IMF uns jüngst in Erinnerung gerufen, bei dem ganzen Euro-Lärm das große Ganze nicht aus dem Auge zu verlieren. Nämlich die globalen Ungleichgewichte, die Volkswirtschaften anfällig für Schocks machen und nach wie vor existent sind. Europa steht an sich ohne sonderliche Ungleichgewichte da, d.h. es wir nicht zu viel im- bzw. exportiert, damit entsteht auch kein signifikanter Überschuss bzw. Defizit in der Leistungsbilanz. Innerhalb des Euro-Raumes sieht es dagegen ganz anders aus: Deutschland als das große Exportland steht mit einen gewaltigen Überschuss da, Südeuropa mit einem tiefen Defizit. Auf Dauer könnte ein Wechselkurs das Ungleichgewicht beseitigen oder zumindest vermindern, aber aufgrund der gemeinsamen Währung ist das nicht möglich. Deutschland hat sich seine Wettbewerbsfähigkeit dadurch erkauft, indem die Löhne real stagniert bzw. gesunken sind und Arbeit in Zeit- und Leiharbeit transferiert worden ist. Auf die sozialpolitische Dimension dieser Lohndrückerei kommen jetzt also noch die makroökonomischen Konsequenzen zu Tage. Es ist daher nicht ganz falsch, wenn Heiner Flassbeck sagt: „Die niedrigen Löhne sind schuld an Krise“.

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Kommentare

  1. Josef Eisele18. August 2012

    Wer so lebt, als würde die vorgetäuschte hohe Wetbewerbsfähigkeit auch real existieren, kann natürlich als Staat sich alles das, was so in den letzen Jahren abgelaufen ist, nur solange leisten, als ein anderer das finanziert.Banken, die das macchen, gehenpleite und werden vom Staat gerettet. Der braucht seinerseits dafür aber Geld.In Frage kommen dafür ausgegebene Staatsanleihen, die möglicherweise nicht mehr rückzahlbar sind, kenntlich an den immer höheren Zinsen für neue Papiere, mit denen die Lasten aus den alten Staatsanleihen bedient werden. Dazu kommt in der Eurozone die fatale Einrichtung der Target 2 Salden ohne die Verpflichtung zum täglichen Ausgleich, oder überhaupt zu einem Ausgleich. Damit können und werden weiter Defizite finanziert, die ansonsten eine Abwertung der Währung zur Folge hätten, was aber mit dem Euro nicht geht. Und solange dieser Kern des Übels, der häufig schon bei Aufnahme in die Eurozone bestand, nicht angegangen wird, ist jeder Rettungsschirm letztendlich Benzin ins Feuer gegossen, weil er es ermöglicht, auf die alte Art weiterzumachen, damit noch mehr Schulden anzuhäufen usw. Wenn der Euro dazu führt, dass die Löhne im Land soweit steigen, und der Export von Tomaten aus Holland soweit sich vergünstigt, wie das geschehen ist in Griechenland, werden die Tomaten nicht mehr dort angebaut. Es wäre zu teuer, bei ineffizienter Landwirtschaft. Sie werden also auf Pump im nationalen Maßstab importiert,(das erhöht die Target 2 Salden), und durch das wie auch immer, Fakelaki, Beamtenstatus, Rente ohne Rentner usw. vorhandene Geld können diese Tomaten auch erworben werden. Alles scheint in Ordnung, bis die Bilanz insgesamt angeschaut wird, und das ist jetzt der Fall.Die Wettbewerbsfähigkeit z.B. in Griechenland zu steigern ist aber nicht ganz einfach,mit dem Euro noch schwerer, und die hiesige durch höhere Löhne abzusenken, da ist die vereinte politische Klasse vor.Also wird die Ungleichheit derzeit dadurch ausgeglichen, dass die wirtschaftlich fähigeren Länder auf Kosten ihrer Bevölkerung die anderen unterstützen, ohne dass das irgendeinen Effekt in Sachen Verbesserung der Wetbewerbsfähigkeit hätte. Es geht gerade so weiter, wie bisher.

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