Weiter zum Inhalt
Das Netz & Frauenpolitik & Grünzeug am Mittwoch » Grünzeug am Mittwoch 142: Die Gemeinde mit den 100,7% Frauen
07Mrz

Grünzeug am Mittwoch 142: Die Gemeinde mit den 100,7% Frauen

Morgen ist ja internationaler Frauentag, was zu einer Flut entsprechender Veranstaltungen, Plenarreden und Zeitungsartikel führt und morgen geführt haben wird. Ich lasse das mit dem Bloggen dazu deswegen so halb, sondern nehme den Frauentag nur als Aufgabenstellung, um mal zu schauen, was der heute gestartete Open-Data-Prototyp des Landes Baden-Württemberg so kann.

Vielleicht noch ein paar Worte zu diesem Prototypen: In der Koalitionsvereinbarung steht unter anderem, dass Open Data und transparentes Regierungshandeln umgesetzt werden sollen. Der Prototyp ist nun genau das – ein vom baden-württembergischen Innenministerium entwickeltes Tool, mit dem Open Data ausprobiert werden kann. Eingespeist sind vor allem bereits vorhandene Datenbestände, etwa aus dem Statistischen Landesamt, die – so die Idee dahinter – in drei Formen präsentiert werden: als schlichter Katalog extern verfügbarer Datensätze, als eine Reihe von vordefinierten Anwendungen, die auf diesen Daten zugreifen, und schließlich unter dem Titel Werkzeugkasten als Zugriffsmöglichkeit auf die Urdaten samt einigen Tools, um diese darzustellen.

Warum Prototyp? Weil nur ein Bruchteil der tatsächlich existierenden Verwaltungsdaten eingespeist ist, weil es an einigen Stellen noch an Benutzerführung, Technik oder Nutzungsmöglichkeiten happert – und weil die Seite vor allem dazu dienen soll, einen Dialog über Open Data in Baden-Württemberg am konkreten Beispiel anzustoßen, um dann Mitte des Jahres Bilanz darüber ziehen zu können, ob/wie Open Data genutzt wird, und wie das „Serienmodell“ aussehen könnte. Über all dies kann in einem Forum auf service-bw.de diskutiert werden.

Soviel zum Thema Open Data – jetzt zum Frauentag. Ein Test für den Prototypen könnte darin bestehen, mal zu schauen, wie viel nach Geschlecht differenzierte Daten dort zu finden sind.

„Frauen“, „Männer“ und „Geschlecht“ sind alle als Schlagwörter definiert. Eine Suche nach Geschlecht liefert zum einen Links auf nach Gemeinden aufgelösten Bevölkerungsdaten nach Alter und Geschlecht des Statistischen Landesamtes (für 1995, 2000, 2005 und 2010), zum anderen Links auf Datensätze aus dem Kultusministerium, die ebenfalls in dieser zeitlichen Abstufung die SchülerInnenzahlen in der Klassenstufe 7 darstellen, ebenfalls u.a. nach Geschlecht aufgelöst.

Bei den „Anwendungen“ wird eine Suche nach „Geschlecht“ leider (noch?) nicht fündig. Wer mit den oben genannten Daten weiterarbeiten will, muss diese deswegen selbst als .csv-Datei herunterladen (Bevölkerungsdaten, Lizenz CC-BY) bzw. per eMail anfordern (Schuldaten). Die Bevölkerungsdaten lassen sich über Werkzeuge auch als sortierbare Tabelle anzeigen.

Ein Versuch, die .csv-Datei (ich habe mal die Bevölkerungsdaten 2010 genommen) in Excel zu importieren, scheiterte zunächst einmal (die Datei ist mit Kommas getrennt, Excel erkennt automatisch nur Strichpunkte). Als problemlos möglich zeigte sich dagegen der Upload nach Google Docs – das Ergebnis ist eine Tabelle mit sieben Spalten und ca. 20.000 Zeilen. Mit der Pivot-Funktion von Google Docs lässt sich damit dann relativ schnell eine Tabelle erzeugen, die für jeden Ort in Baden-Württemberg – nach Altersgruppen sortiert – die Bevölkerungszahl insgesamt und die weibliche Bevölkerungszahl anzeigt (in der allerdings auch höhere Aggregatseinheiten, d.h. die Regierungsbezirke und das Land insgesamt, wie einzelne Orte behandelt werden). Diese Tabelle ist hier einsehbar (und leider gibt es bei Google Docs keine einfache Möglichkeit, einen Hinweis auf die CC-BY-Lizenz des Statistisches Landesamtes als Datenquelle einzufügen …).

Ich gebe gerne zu: So richtig spannend ist das Ergebnis noch nicht. Ein bisschen spannender wird sie, wenn z.B. (letzte Spalte) noch hinzugefügt wird, was der Anteil der Frauen an der Bevölkerung jeweils in Prozent ausmacht. Mit ein bisschen weiterer Arbeit lässt sich das ganze dann auch so darstellen, dass die geographischen Einheiten nach dem Frauenanteil sortiert darstellbar sind. Das Ergebnis findet sich in diesem Datenblatt. In Baden-Württemberg insgesamt beträgt der Frauenanteil 2010 demnach 50,75%, aber in einzelnen Gemeinden rangiert er von 43% (Heimsheim) bis zu erstaunlichen 100,7% in Emeringen (neben einigen weiteren nach diesen Daten „rein weiblichen“ Gemeinden). Ein Blick auf die Urdaten zeigt, dass hier – entweder in der .csv-Datei oder beim Import in Google Docs – etwas durcheinander gekommen ist. Ohne das jetzt zu überprüfen, gehe ich davon aus, dass auch andere Frauenanteile von über 90% auf ähnlichen Ursachen beruhen. Als letzte Stichprobe nehme ich noch „Holzkirch“ heraus – diese Gemeinde hat der Tabelle zufolge einen Frauenanteil von 65,1%. Hier scheint der Wert bei insgesamt nur 421 BewohnerInnen plausibel zu sein.

Fazit: Mit Open Data lassen sich interessante Informationen finden. Noch ist dafür eine ganze Menge Handarbeit in Excel/Google Docs oder einem Statistikprogramm notwendig, um die einzelnen Datensätze zu verknüpfen. Schön wäre es, wenn eine Anfrage wie die hier letztlich durchgeführte („Gemeinden in Baden-Württemberg sortiert nach dem Frauenanteil“) direkt in der Oberfläche des Open-Data-Tools möglich wäre (ein Download der .csv-Daten war wohl auch bisher beim Statistischen Landesamt schon möglich) – und wenn weitere Daten bereitgestellt werden. Hier ist noch einiges zu tun. Mein Testlauf zeigt aber auch, dass Open Data und die damit verbundenen Verknüpfungsmöglichkeiten auch neue Fehlerquellen produzieren – ich nehme mal an, dass Google Docs beim Konvertieren der .csv-Daten geschlampt hat bzw. fehlende Daten fehlerhaft gekennzeichnet waren. Im Endeffekt wurde daraus dann eine baden-württembergische Gemeinde mit einem Frauenanteil von 100,7% – eine schöne Schlagzeile, aber bei genauerem Hinsehen dann doch nur ein Datenfehler. Kurz: Auch Open Data, oder gerade Open Data entbindet einen oder eine nicht von einem sorgfältigen Umgang mit Rohdaten!

Bislang wurde kein Kommentar hinterlassen. Du kannst hier einen Kommtenar schreiben.
Hier ist die TrackBack URL und der Kommentar-Feed des Artikels. Du kannst den Artikel auch auf Twitter oder Facebook posten.

Trackbacks/Pingbacks

  1. Linkschleuder | stk11. März 2012

    […] Vorbereitung wir unvorhergesehen als Berater hineingerutscht waren. Netzpolitik.org berichtete,die Gruenen haben Staedte mit ueber 100% Frauenquote gefunden, die Stadt Ulm hat auch einige Datensaetze beigetragen, und alle Beteiligten freuen sich ueber […]

       0 likes

Schreibe einen Kommentar

Valides XHTML & CSS. Realisiert mit Wordpress und dem Blum-O-Matic -Theme von kre8tiv.
44 Datenbankanfragen in 0,466 Sekunden · Anmelden