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23Nov

Betreuungsgeld schadet Kindern und Eltern von Birgit Woelki und Kerstin Andreae MdB

Was Anfang November beim Koalitions-Basar von CDU, CSU und FDP ausgehandelt, wirkt allen bisherigen kommunalen Bemühungen um mehr Bildungsteilhabe und Chancengerechtigkeit entgegen.

In den letzten Jahren wurden im Freiburger Gemeinderat viele Maßnahmen zur Bekämpfung der Kinderarmut beschlossen: Ein-Euro- Mittagessen, Sprachförderung in der Kita, Schulstarterset, kulturelle Bildung, Ferienprogramme, Hausaufgabenhilfe, mehr Krippenplätze und Ganztagsschulen. All diese Angebote dienen dazu, Kindern aus sozial schwachen, bildungsfernen Familien oder Familien mit Migrationsgeschichte konkrete Hilfe zu leisten und gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen. Wenn die Kinder gut versorgt sind und sich frei entfalten können, kommt dies auch den Eltern – und hier vor allem den Müttern – zugute: Die Chancen steigen, über eine Erwerbsarbeit die gesamte Familiensituation zu verbessern.

Das Betreuungsgeld soll nun an Eltern ausgezahlt werden, die keinen Krippen- oder Kitaplatz für ihre zwei- bis dreijährigen Kinder in Anspruch nehmen wollen. Absurd: Vergütet wird die Nicht-Inanspruchnahme einer staatlichen Leistung. Eingeführt werden soll das Betreuungsgeld 2013, um „Wahlfreiheit
zu anderen öffentlichen Angeboten und Leistungen zu ermöglichen, […] in Höhe von erst 100€, im Folgejahr 150 €, gegebenenfalls als Gutschein. […]“.

Nicht nur für sozial benachteiligte Kinder ist diese Prämie für das Fernbleiben von einer Bildungseinrichtung kontraproduktiv, sondern auch für Kinder aus Migrantenfamilien. Gerade in der Kita werden Integrationsleistungen vollbracht, die den Kindern später in der Schule zugutekommen. Für Familien, denen sowieso wenig Geld zur Verfügung steht, sind 150 € im Monat durchaus ein Anreiz, die Kinder nicht in Betreuungseinrichtungen zu geben. VertreterInnen von Freiburger Kitas haben deshalb große Sorge, dass Kinder vom Kindergarten sogar wieder abgemeldet werden, um das Betreuungsgeld zu erhalten.

Frühkindliche Bildung ist aber die Voraussetzung für ein erfolgreiches Schul- und Berufsleben. Der Staat muss seine vorhandenen Mittel in den Auf- und Ausbau einer flexiblen und hochwertigen Kinderbetreuung konzentrieren. Politisch will sich die Bundesregierung mit der „Fernhalteprämie“ von der gesellschaftlichen Verantwortung und dem Ausbau einer bedarfsgerechten und flächendeckenden Betreuungsinfrastruktur im wahrsten Sinne des Wortes freikaufen.

Mit dieser Prämie werden zudem die althergebrachten Rollenbilder des männlichen Alleinverdieners mit der geringfügig beschäftigten Ehefrau zementiert. Die Folgen sind bekannt: prekäre Lebensverhältnisse nach einer Trennung und Altersarmut bei Frauen.

Das Betreuungsgeld birgt auch Gefahren für die kommunale Armutsprävention: Seit 2009 investiert die Stadt Freiburg auf Initiative der Grünen Gemeinderatsfraktion zusätzlich 400.000 € in die Sprachförderung im Kindergarten. Denn in der Schule sind sprachliche und feinmotorische Defizite kaum noch aufzuholen.
Christiane Zahn, Gründerin des Vereins MiKiXX zur Förderung von Migrantenkindern beklagt, dass oft genug diese Kinder mit ungenügenden Deutschkenntnissen in die Schule kommen und die erste Klasse wiederholen müssen. Das Betreuungsgeld gefährdet somit die Schulreife.

Gestoppt werden kann das Betreuungsgeld mit einer auch von Baden-Württemberg bereits ins Rollen gebrachte Bundesratsinitiative. Darin wird die Bundesregierung aufgefordert, stattdessen stärker in frühkindlichen Bildung und Betreuung für Kinder unter drei Jahren zu investieren.

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Kommentare

  1. simon23. November 2011

    „Absurd: Vergütet wird die Nicht-Inanspruchnahme einer staatlichen Leistung“

    die staatliche leistung ist doch die versorgung der kleinsten, der 2-3jährigen … und hier die möglichkeit dies ohne den staat in ähnlicher art und weise zu ermöglichen … der staat dringt in das privateste, den kern der familie ein, das wiederspricht der subsidarität in eklatantester weise … bisher dachte ich die grünen stehen auch für subsidarität, lösen von problemen vorort, nahe bei den menschen. und was könnte näher sein als ein kind und seine eltern?

    „für Kinder aus Migrantenfamilien. Gerade in der Kita werden Integrationsleistungen vollbracht, die den Kindern später in der Schule zugutekommen.“

    hier gilt wohl: es bedarf information der eltern, und nicht die reduktion der wahlfreiheit der mehrheitsgesellschaft.

    „Frühkindliche Bildung ist aber die Voraussetzung für ein erfolgreiches Schul- und Berufsleben“

    ich wünsche mir bei so etwas quellen … woher kommt diese aussage? die studien dazu sind bekannt, und was ist die datengrundlage dieser studien? die kinder derer, die bisher in kitas gehen. aber das sind genau jene, die durch ihre elternhäuser, nicht durch die kita die besseren chancen im leben haben … die aussage dieser studien ist in der wirklich keit nicht „die kita gibt chancen“ sondern „die kitas schaffen es nicht die privilegien zu ruinieren“. denn die eltern derer sind oft die akademischen doppelverdiener. diesen starken schultern durch den staat noch lasten abzunehmen ist höchst unsozial. das ganze im nahmen von angeblicher chancengleichheit zu machen, hinterläßt mich sprachlos.

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  2. Klaus Piekut22. Dezember 2011

    Auch ich habe eine fast identische Meinung dazu. Der Staat will sich auf profane Art und Weise mit dem Betreuungs-geld an Familien vom Acker machen.
    Dabei bleiben die „Kleinen“ der wirklichen ersten sozialen Lernstätte weg, was für die Ent-wicklung dieser Kinder kontra-produktiv ist.
    Warum haben wir solche inkom-petenten Personen in den regie-
    renden Schaltstellen sitzen?
    Das muß man sich fragen und möglichst dort rasch Abhilfe schaffen!

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  3. Stephan29. Februar 2012

    Ich habe 2 Kinder. Als Beamter und Mitglied der Grünen bin ich mehr als enttäuscht von den Plänen, die Beihilfe für Bedienstete mit 2 Kindern von 70 auf 50% zu kürzen. Wer Kinder fördern will, darf nicht bei der Krankenversorgung sparen! Eine solche Kürzung des Beihilfesatzes käme fast einer Rückbeförderung um eine Stufe gleich! Bitte lasst das bleiben!

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  4. Bärbl Mielich13. März 2012

    Grundsätzlich wollen wir in der Tat den Eigenanteil in der Beihilfe von 30 auf 50% erhöhen. Das damit verbundene Ziel ist es, dass Beamte den Finanzierungen in der GKV gleichgestellt werden. Das wäre in unseren Augen gerecht! Das ist jedoch aktuell nicht umsetzbar, weil es verfassungsrechtliche Bedenken gibt; deshalb kann davon ausgegangen werden, dass das vorerst nicht passiert.

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  5. Thorsten13. März 2012

    Ich finde es erst einmal gar nicht absurd, wenn Menschen sich entscheiden, eine staatliche (ebenso wie eine privatwirtschaftliche) Leistung nicht annehmen zu wollen. Es gibt im Leben zahlreiche Gründe, gut gemeinte ebenso wie vergiftete Geschenke zurückzuweisen. Im erzieherischen Kontext macht das etwa dann Sinn, wenn qualitativen Aspekten nicht genug Aufmerksamkeit gewidmet wird. Und tatsächlich spricht die Politik im Zusammenhang mit der Betreuung von Kleinkinder viel zu selten von der Betreuungsqualität. Hingegen werden wir täglich über quantitative Fortschritte informiert, etwa über den „flächendeckendem Ausbau“ der Betreuung im Bund und dergleichen mehr.

    Sie stoßen hier nun in dasselbe Horn, wenn Sie Phrasen dreschen wie diese: „Frühkindliche Bildung ist … die Voraussetzung für ein erfolgreiches Schul- und Berufsleben“. Also bitte! Kinder sind in diesem Alter, das wissen wir aus der Anschauung ebenso wie aus der entwicklungspsychologischen Forschung, mitnichten vom Bildungswunsch getrieben – höchstens von dem der Erwachsenen. Sie suchen im Alter von zwei und drei Jahren in erster Linie nach Anregungen, die altersangemessen ausfallen, zu ihren Bedürfnissen und ihrem jeweiligen Entwicklungsfenster passen. Und nicht zuletzt sollte die sie fördernde Interaktion eingebunden sein in ein möglichst hochwertiges, stabiles und vom Wohle des Kindes definiertes Beziehungsgefüge.

    Wenn meine Frau und ich unsere Kinder in dem Alter in fremde Obhut übergeben haben, dann fand das nur statt, wenn das Personal dies zu leisten in der Lage und auch Willens war. Die Voraussetzungen dafür sind insgesamt wohl eher schlecht, weil in Deutschland Erzieher am Schlechtesten ausgebildet sind, während wir älteren Kindern, denen sehr viel Eigenständigkeit zuzutrauen wäre, mit studierten Gymnasiallehrern auf die Nerven fallen. Dabei hinterlassen Begegnungen mit Erwachsenen im Kleinkindalter, seien sie nun nützlich oder schädlich, erheblich tiefere neuronale Spuren als in späteren Jahren. Die Grünen möchten sich doch lieber auf die Agenda schreiben, diese verquere Bildungssituation vom Kopf auf die Füße zu stellen. Aber bevor ich zu weitschweifig werde, führe ich nur noch den angefangenen Gedanken zuende: Bildung ist im Kleinkindalter neben dem primären Beziehungs- und Interaktionsbedürfnis nicht mehr als ein (durchaus sehr willkommenes) Abfallprodukt anzusehen. Wer Bildung hingegen in jungen Jahren im Kinde vorrangig forcieren möchte und sie als Selbstzweck inszeniert, der wird den Aufbau der intellektuellen Strukturen womöglich gehörig stören.

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    • Kerstin Andreae14. März 2012

      Sehr geehrter Thorsten,

      ganz genau, es geht uns um mehr Qualität an den Kitas und natürlich ist jede/r frei diese staatliche Leistung für ihre/seine Kinder dann anzunehmen. Diese Entscheidung sollte dann aber wirklich Privatsache sein. Es ist nicht die Aufgabe des Staates, die elterliche Entscheidung mittels Steuergeldern in eine bestimmte Richtung zu lenken.

      Für mehr Betreuungs- und Lernqualität haben wir in Baden-Württemberg mit dem Orientierungsplan für Bildung und Erziehung einen großen Schritt nach vorne getan. Gerade die Startchancen für ein erfolgreiches Schul- und Berufsleben von Kindern mit Defiziten im Verhaltens- oder sprachlichen Bereich können durch frühkindliche Bildung deutlich verbessert werden. Natürlich geht es dabei um spielerisches und soziales Lernen, denn jedes Kind möchte seine Welt entdecken. Diese Aufgabe leisten Kitas, im Gegensatz zu Elternhäusern, die den Erziehungsauftrag nicht wahrnehmen.

      Wenn aber das Betreuungsgeld Anreize schafft, die Kinder von einer Chancengleichheit ermöglichenden Kindertageseinrichtung fern zu halten, schadet dies nicht nur den Kindern in ihrer Entwicklung. Es bürdet dem nächsten Bildungsort Schule ein soziales Problem auf, wenn der familiäre Erziehungsauftrag nicht wahrgenommen wurde. Die Kinder sind dann schwerer lernfähig und häufig verhaltensauffällig. Diese Defizite kann keine Grundschullehrkraft mehr kompensieren, weshalb dann in der Werkrealschule gerade in Großstädten das Lernniveau zwangsläufig sinken muss.

      Wir finden, man muss die „Bildungssituation vom Kopf auf die Füße zu stellen“, d.h. früh anfangen, sprachliche und soziale Defizite auszugleichen. Das Betreuungsgeld ist dafür jedoch kontraproduktiv.

      Herzliche Grüße

      Kerstin Andreae MdB

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