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15Mrz

Nachrichtenabend oder Achtung Atom-Moratorium

Ein Fernsehabend mit Dirk Werhahn

Ein Abend vor dem Fernsehapparat: Meine Gedanken und mein Mitgefühl sind bei den Menschen in Japan und bei allen, die von dieser unfassbaren Katastrophe betroffen sind.

Es ist in allen Sendungen zu spüren: Das Unglück in Japan fördert die Debatte über die Sicherheit deutscher Atomkraftwerke. Irgendwie wird klar, dass die Erkenntnis aus dem Veränderungsmanagement einfach passt: Es ist nicht die rationale Einsicht, die Veränderungen bewirkt.

An diesem Fernsehabend wirkt sogar die Bundeskanzlerin betroffen und spricht über das Sicherheitsrisiko und will Schrottreaktoren abschalten. Das obwohl ihre Regierung in der Begründung im Elften Gesetzes zur Änderung des Atomgesetzes (pdf) – verabschiedet im Bundestag am 28. September 2010 – noch festgeschrieben hat „Die Laufzeit der 17 Kernkraftwerke in Deutschland wird aus den genannten Gründen um durchschnittlich zwölf Jahre verlängert. Bei Kernkraftwerken mit Beginn des Leistungsbetriebs bis einschließlich 1980 wird die Laufzeit um acht Jahre verlängert, bei den jüngeren beträgt der Zeitraum der Verlängerung 14 Jahre.“

Sechs Monate später sieht es für mich nach massivem Zurückrudern aus: In „Was nun, Herr Röttgen?“ (ZDF, 22:30 Uhr, 14.03.2011) sagt Minister Röttgen, dass das Restrisiko neu zu bewerten ist und dass es darum geht, die erneuerbaren Energien stärker auszubauen. Röttgen sagt, dass er so schnell wie möglich aus der Atomkraft aussteigen will.

Ich sitze auf der Wohnzimmercouch und bin irritiert. Meint es der CDU-Minister ernst oder werden wir Bürgerinnen und Bürger hinters Licht geführt. Geht es Röttgen um „Abschalten oder Aussitzen“?

Ja wie misst man den Wahrheitsgehalt solcher Aussagen? In Anlehnung an die IPPNW lege ich für mich folgende Punkte und Fragen fest:

  • In jedem Kraftwerk werden umfangreiche periodische Sicherheitsüberprüfungen (PSÜs) auf der Grundlage des Atomgesetzes durchgeführt. Deshalb liegen für alle Reaktortypen umfangreiche Stellungnahmen zum Sicherheitsstandard vor. Zeigen die nun angeforderten Untersuchungen, dass die Sicherheit bisher nicht so ernst genommen wurde?
  • Die deutschen Reaktortypen weisen zahlreiche gravierende Sicherheitsdefizite auf. Ist die „Nachrüstliste“ vom September 2010 nicht ausreichend um zu zeigen, welche Mängel deutschen Atomkraftwerken haben?
  • Wie wird der gesetzlich geregelte vorgeschriebenen Stand von Wissenschaft und Technik eingehalten?
  • Für die Bundesregierung darf Ministerpräsident Mappus wohl verkündigen, dass Neckarwestheim I vorübergehend vom Netz genommen wir. Es handelt sich um ein Atomkraftwerk der zweiten Druckwasserreaktor-Generation. Zu diesem Reaktortyp gehören aber auch die Anlagen Biblis A, Biblis B und Unterweser in Niedersachsen. In Niedersachsen wird derzeit aber nicht gewählt. Daher scheint das Atomkraftwerk Unterweser sicherer zu sein als Neckarwestheim I. Wenn nicht alle abgeschalten werden, dürfte es sich um ein Täuschungsmanöver handeln.
  • Die Siedewasserreaktoren der Baulinie 69 (Isar-1, Phillippsburg-1, Brunsbüttel, Krümmel) zählen zweifellos zu den gefährlichsten deutschen Atomkraftwerken. Warum werden diese nicht stillgelegt?
  • Von der Atomindustrie ist noch nicht allzu viel zu hören und zu lesen. Werden sie den Ausstieg so einfach hinnehmen?

Kurz nach 0:30 Uhr am 15. März 2011 berichtet das ZDF, dass eine viel stärkere Explosion stattgefunden hat. Der Druck wird zu hoch, dabei muss nach einer Schnellabschaltung „nur“ noch sieben Prozent der Energie herunter gekühlt werden. Doch das gelingt in den betroffenen Kraftwerken anscheinend nicht mehr. Nun hat auch noch der Wind gedreht; sollte Strahlung frei geworden sein, so weht diese nun auf Tokio zu. Europa sei sicher, heißt es. Wer selbst nachschauen will, wie es sich mit den Stahlen in der eigenen Umgebung verhält, findet eine entsprechende Seite beim Bundesamt für Strahlenschutz.

Um 1:00 wird gemeldet, dass wohl Radioaktivität ausgetreten sei und dass die Arbeiter aus Fukushimo abgezogen werden. Den Fernsehapparat kann ich nun ausschalten, meine Gedanken an die Menschen in Japan nicht und ich merke, dass die Wut über die Atomlobby nicht verraucht. Wer wird sie in Verantwortung nehmen?

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………… Der Autor ist Mitglied im DVPJ ……………..

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Kommentare

  1. Atomausstieg by Larry15. März 2011

    Mal eine ganz andere Frage: Ist denn dieser Rücktritt von der Laufzeitverlängerung rechtlich so einfach möglich?
    Wie wurde denn die Laufzeitverlängerung gestaltet? Wurde hier ein Vertrag mit den Kraftwerksbetreibern geschlossen, der ggf. sogar Schadenersatzforderungen zur Folge hätte?

    Da müsste man mal ansetzen, denn es dürfte doch alles nur reine Wahltaktik der CDU sein, um die Landtagswahl nicht zu verlieren.

    Armseelig kann ich da nur sagen.

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