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11Nov

Grünzeug am Mittwoch 092: Über Technikfeindlichkeit

Nicht nur, weil ich gerade einen längeren Text dazu geschrieben habe, beschäftigt mich die Frage der Technikfeindlichkeit weiterhin. Zur Erinnerung: in den 1980er Jahren war es gang und gäbe, der Umweltbewegung und natürlich auch den Grünen Fortschritts- und Technikfeindlichkeit vorzuwerfen. Ein Hauptstreitpunkt, der diese Debatte in Deutschland besonders emotionalisiert hat, war dabei die Energiepolitik – Atom auf der einen Seite (groß, zentral, modern und fortschrittlich), und irgendwelche komischen Nischenexperimente mit Solarzellen, Windrädern und dergleichen mehr auf der anderen Seite. Die diskursiven Fronten haben sich seitdem verschoben – Atom ist out, auch die SPD hat das erkannt. Erneuerbare Energien sind eine Wachstumsbranche, in der auch die Energieriesen mitspielen wollen, bis hin zu DESERTEC (groß, zentral, modern und fortschrittlich). Jetzt kündigt schwarz-gelb den Atomkompromiss, der zur Befriedung dieser Debatte beigetragen hat, und prompt redet nicht nur Mißfelder und Merkel (CDU), sondern auch Gabriel (SPD) wieder von den fortschrittsfeindlichen Grünen.

Aber was ist überhaupt Fortschritt? Und gibt es den (gar als stetigen, geschichtlichen Automatismus) – oder, wie Sieferle 1984 prophezeit und Renn 2005 bestätigt: muss nicht der Glaube an den Fortschritt durch einen immer wieder neu zu führenden Aushandlungsprozess ersetzt werden? Oder zumindest mal geklärt werden, dass das, was 1960 fortschrittlich war, es heute nicht mehr sein muss?

Interessanter als das Pauschalurteil erscheint mir der Blick auf unsere eigenen, innergrünen Widersprüche und Konflikte: etwa zwischen dem Ziel, 100% Erneuerbare erreichen zu wollen, und Fragen des Natur- und Landschaftsschutzes. Wenn wir dabei eines aus der Geschichte – und dem Niedergang der einst so fortschrittlich-progressiven SPD – gelernt haben sollten, dann das, dass diese Konflikte nicht gelöst werden, indem das Wahre, Schöne, Gute von oben her durchgepeitscht wird. Und da haben wir ’ne große Aufgabe!

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Kommentare

  1. Mela11. November 2010

    1960 war es fortschrittlich, alle Gewässer zu begradigen, in Beton zu fassen und idealerweise auch noch in den Untergrund zu verbuddeln.

    Wie sind uns sicher alle einig, dass man heute unter Fortschrittlichkeit eher Maßnahmen gegen Überschwemmungen versteht.

    Zu oft wird Fortschrittlichkeit aber als Synonym für alles verwendet das aktuellen Wirtschaftsinteressen nutzt. Und da lohnt es sich eben doch mal genauer hinzuschauen.

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  2. Till Westermayer14. November 2010

    Kleiner Nachtrag: sehe gerade zufällig, dass ich dazu vor ziemlich genau einem Jahr in meinem Blog schonmal eine ganz spannende Debatte hatte. Fortsetzung könnte hier oder da folgen …

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