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29Sep

Grünzeug am Mittwoch 086: Nachruf auf Walter Schwenninger

Gastbeitrag von Wolfgang G. Wettach

Walter Schwenninger ist tot. Für mich ist das fast unfassbar, auch wenn ich wusste, dass es nach seinem letzten Rückfall schwer werden würde, noch einmal aus eigener Kraft aus dem Krankenhaus zurück zu kommen. Walter war immer da, immer aktiv, im Weltladen als Mitgründer schon als der noch Dritte-Welt-Laden hiess, als Mitgründer im Club Voltaire der 15 Jahre lang mit einem wesentlichen politischen Festival die Stadtkultur Tübingens mitprägte, und immer als Grüner aktiv, selbst wenn er gar nicht von Anfang an Mitglied der Grünen war.

Als ich selbst in den 80ern nach Tübingen kam, war Walter schon da und verkörperte auch äusserlich das, was man sich unter einem Alternativen vorstellte. Er war einer der ersten Grünen im Bundestag und prägte das Bild der bärtigen, langhaarigen Strickpulli-Träger das die MdB-Männer abgaben, mit. Von Anfang an blieb er mit beiden Füssen auf dem Boden, ansprechbar – und immer vor Ort präsent. Als „Vorrücker“ gab er sein MdB-Mandat nach zwei Jahren im Rahmen der Rotation auf, als Mitarbeiter blieb er der Fraktion aber bis zum Ende der Wahlperiode erhalten. Seine Nachrückerin wurde übrigens Uschi Eid, die dann die Entwicklungspolitik wesentlich länger im Bundestag betrieb.

Von 1989 bis 1994 und nochmals 1999-2004 war er im Tübinger Gemeinderat für die AL beziehungsweise die „Alternative und Grüne Liste“. Über den Peru-Arbeitskreis setzte er sich mit seiner dort kennengelernten Frau Nani Mosquera für eine Städtepartnerschaft Tübingens mit Villa El Salvador ein, einem 350.000 Einwohner umfassenden Stadtteil von Perus Hauptstadt Lima (Link zum Radiobericht).

1994 wurde Walter noch einmal von den Grünen als Tübinger Bundestagskanddidat aufgestellt, in Tübingen war er damit erfolgreicher als sein unterlegener Gegenkandidat Cem Özdemir – auf der Landesliste der baden-württembergischen Grünen aber war sein Platz dann nicht abgesichert und von einem Direktmandat waren wir damals noch viel weiter entfernt als heute, wo wir bei der letzten Bundestagswahl mit Winne Hermann in Tübingen (und Cem Özdemir in Stuttgart) überzeugend auch um Erststimmen geworben haben, die SPD beide Male hinter uns lassend.

Als ich selbst nach zehn Jahren Kunstpause in der Partei, für zwei Firmen und zwei Töchter, ab 2006 wieder aktiver wurde, mit der ‚Zukunft Europas‘ befasst, war Walter Schwenninger wieder mein Gesprächspartner, noch immer unermüdlich im Einsatz für eine überzeugende Politik der globalen Gerechtigkeit und des Friedens, die von ihm geleitete LAG Internationales der Grünen in BaWü stand und steht für die Bundesarbeitsgemeinschaften BAG Nord-Süd und BAG Frieden, er selbst für Pazifismus und den Blick auf unsere Verantwortung für unser Handeln in der ganzen Welt.

Das galt wie schon in seiner Zeit als MdB für Waffenexporte in Krisenländer der Welt, wogegen er sich immer eingesetzt hat, bei Demonstrationen genauso wie als kritischer Daimler-Aktionär, das galt für die Frage was unser Durst nach Agro-Sprit mit den armen Ländern macht, etwa 2008 beim entwicklungspolitischen Ratschlag zu „Mais in den Tank oder Brot auf den Teller“.

Auch 2009 hat er sich, zusammen mit seiner Frau Nani, wieder für den Tübinger Gemeinderat aufstellen lassen, als ein Listenkandidat, der die Programmgestaltung und den Wahlkampf mitgetragen hat.

Im diesem Fussballjahr 2010 war Walter Schwenninger aktiv mit dem Thema Afrika befasst, ausser in der LAG auch in vielen Vorträgen, die den Menschen hier die Lage der Menschen in den WM-Nationen Afrikas näher brachten. Privat spielte er auch selbst Fussball wenn es ihm möglich war, aber es war ihm dabei nie egal, wer unter welchen Bedingungen etwa den Fussball hergestellt hatte.

In all diesen Jahren war er konsequent und verkörperte das was heute uns Bündnisgrüne als Partei gegenüber den anderen Parteien auszeichnet: Geradlinigkeit was unseren Markenkern angeht – und glaubwürdig im Blick weit über den eigenen Tellerrand hinaus. Die Arbeit geht weiter, auch in der LAG Internationales, die mit der Vorbereitung der grossen Desertec-Konferenz am 13.November beschäftigt ist – aber Walter Schwenninger wird uns, und wird mir, fehlen. Seiner Frau Nani gilt unser Beileid und unsere Unterstützung.

Wolfgang G. Wettach, LAG Internationales und BAG Europa, Vorstand GRÜNE Tübingen

Nachruf von Eckhard Ströbel im Tagblatt.de

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Kommentare

  1. Manfred Westermayer30. September 2010

    Danke Wolfgang und Till (für die Anregung dazu) – eine gute und angemessene Würdigung für Walters konsistentes Lebenswerk.
    In der taz vom 29. Sept. (S. 6) ist eine Todesanzeige mit der Bitte – statt Blumen – um Spenden für leukämiekranke Kinder in Cuzco/Peru, an Misereor, Kto. 100 70000 10, BLZ 37060193 (Pax-Bank)

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  2. Manfred Westermayer30. September 2010

    Wer Walters Bitte um eine Spende für leukämiekranke Kinder in Cuzco erfüllen will: Misereor, Kto. 100 70000 10, BLZ 37060193 (Pax-Bank), sollte auch als Vermerk „Walter Schwenninger“ angeben.

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  3. heidi Kuss30. September 2010

    Walter war ein Mensch mit aufrechtem Gang. Er hat politisch und persönlich das verkörpert wofür er kämpfte. Er wird den Grünen fehlen. Sein Tod macht mich traurig.
    Mein aufrichtiges Beileid.

    Heidi Kuss, Tübinger AL Gemeinderatsmitglied der ersten Runde 1980-84

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  4. Michael Ecker30. September 2010

    Danke, Wolfgang. Ein würdiger Nachruf für einen manchmal schwierigen, aber immer aufrechten Menschen, der uns allen viel gegeben hat.

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  5. Angela Schnider26. Mai 2011

    …Glück ist…zum richtigen Zeitpunkt, am richtigen Ort auf die richtigen Menschen zu treffen!!!

    Es gibt immer mehr Leute aber immer weniger Menschen …
    Das werden WIR ändern-jetzt!!!

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