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09Mrz

Grünzeug am Mittwoch 057/058: Frauen, Männer und 23 Prozent

Auch in grünen Wahlkämpfen wird – nach dem Motto „gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ – eine Zahl immer wieder genannt: die Aussage, dass zwischen Frauen und Männern ein Unterschied von 23 Prozent in der Entlohnung besteht. Kurz vom dem Internationalen Frauentag am Montag wurden Daten der europäischen Statistikbehörde veröffentlicht, die diesen „gender pay gap“ noch einmal deutlich vorgeführt haben.

Recht ausführlich hat beispielsweise die FAZ darüber berichtet. Kurz die wichtigsten Zahlen (Bezugsjahr ist hier 2008): EU-weit beträgt die Differenz in der Entlohnung zwischen Frauen und Männern 18 Prozent, in Deutschland sind es 23 Prozent mit leicht steigender Tendenz, ganz vorne liegen Estland mit 30 und Tschechien mit 26 Prozent. Am geringsten fällt die Differenz in Italien aus – 5 Prozent.

Es ist jetzt allerdings leicht, diese Zahlen falsch zu verstehen – und sie sind trotzdem alarmierend. Was hier gemessen wird, ist die prozentuale Differenz des durchschnittlichen Bruttostundenverdiensts zwischen allen weiblichen und allen männlichen abhängig Beschäftigten in einem Land. Das bedeutet, dass die deutlich höhere weibliche Teilzeitquote direkt keine Rolle spielt: pro Stunde sollte der Lohn in einer 20-Stunden-Stelle bei gleicher Qualifikation etc. genauso hoch ausfallen wie der Stundenlohn in Vollzeit. Indirekt wirkt dies natürlich trotzdem, weil Führungspositionen immer noch sehr selten in Teilzeit vergeben werden. Wichtig ist, dass der „gender pay gap“ nicht Löhne in gleichen Branchen oder in gleichen Arbeitsverhältnissen vergleicht, sondern – vermutlich deutlich – durch typische Frauen- und typische Männerberufe beeinflusst wird. Nicht berücksichtigt ist zudem die Frauenerwerbsquote (das erklärt einige der niedrigen Werte).

Anders gesagt: die Aussage, dass in Deutschland 23 Prozent Unterschied im Durchschnittsstundenlohn bestehen, heißt nicht unbedingt, dass Frauen für die gleiche Arbeit schlechter bezahlt werden als Männer (auch das kommt vor, und ist noch immer ein Problem). Einen deutlich größeren Einfluss haben geschlechtsspezifische Berufswahlen: Frauen arbeiten häufiger in Bereichen, die schlechter bezahlt sind. So formuliert klingt das zunächst einmal nach individuellen Entscheidungen – die sind es aber nicht. Vielmehr spielen Stereotype (Mann verdient das Geld, Frau arbeitet nur nebenbei und erzieht die Kinder) und beispielsweise die verfügbare Infrastruktur in der Kinderbetreuung hierbei eine große Rolle – aber auch die Frage der Mindestlöhne als „untere Grenze“ kommt ins Spiel. Sehr viel genauer erklärt dies Friederike Maier (auch hier).

Fazit dieser Doppelnummer des Grünzeugs am Mittwoch: der „gender pay gap“ ist ein deutlicher Indikator für bestehende Ungleichheiten und große Baustellen für ein emanzipatorisch-feministisches Programm. Dahinter steht aber nicht an vorderster Stelle die ungleiche Bezahlung für gleiche Arbeit, sondern die strukturelle Ungleichheit in der Erwerbstätigkeit in Deutschland aus Gender-Perspektive. Und genau da kann und muss die Politik ansetzen.

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Kommentare

  1. Carlo10. Mai 2010

    Dei witzigste Auswirkung von „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ findet sich in den Kindergärten: Da wurde nun festgestellt, dass die Kindergärtner mit dem kleinen i zu wenig verdienen. Also wird nun zunehmend akademische Vorbildung gefordert, damit die in höhere Lohngruppen kommen.

    Ändert sich dadurch die Arbeit?
    Von dem Umstand, dass Frauen per Geschlecht erziehungsfähig sein sollen, und daher ein großer Teil der Arbeit von Praktikantinnen und 1€-Jobberinnen übernommen wird, mal abgesehen.

    Oder ist es nicht eher so, dass jemand in einem öffentlichen Kindergarten viel weniger verdient als in einem Betriebskindergarten unter IG Metall oder Chemie?

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  2. Rüdiger10. Mai 2010

    Carlos:
    Die deutsche Fassung der originalen Studie habe ich nicht gefunden. Hier erste Ansätze:

    Dossier Entgeltungleichheit BMFJS, 2007
    http://www.bmfsfj.de/RedaktionBMFSFJ/Broschuerenstelle/Pdf-Anlagen/Dossier-Entgeltungleichheit,property=pdf,bereich=bmfsfj,sprache=de,rwb=true.pdf

    Seite 7:
    „Ein „korrektes“ Maß für den Lohnunterschied gibt es dabei nicht. Welcher Indikator geeignet ist, hängt immer von der Fragestellung, aber auch von den verfügbaren Datenquellen ab.“

    In dieser Studie werden die (direkt politisch verantworteten, relativ gleichen) Einkommen in den öffentlichen Verwaltungen nicht mit gerechnet, im Bereich Minijobs gibt es „Unregelmäßigkeiten“.
    Die Zahlen sind also in Richtung dramatisch manipuliert.

    Seite 8:
    „Aktuell gibt es weder national noch international eine Statistik, die einen umfassenden
    Überblick über die Situation und Entwicklung der Einkommen von Frauen und Männern enthält.“

    Sinn würde es machen, die Vorlage der verschiedenen Datenbasen zu fordern:

    Bruttostundenlohn wie gehabt, aber für alle Tatigkeiten
    Nettostundenlohn
    Jahreseinkommen Netto
    Jahreseinkommen netto einschließlich Transferleistungen, abzüglich gezahlte Unterhalte, zuzüglich Unterhalte zwischen Erwachsenen (das tatsächlich zur Verfügung stehende Einkommen)
    Lebenseinkommen netto einschließlich Transferleistungen, abzüglich gezahlte Unterhalte, zuzüglich Unterhalte zwischen Erwachsenen (das tatsächlich zur Verfügung stehende Einkommen)
    Hier fehlt auch noch ein Vergleich der Einkommen, die unabhängig von Erwerbsarbeit erzielt werden.

    In dieser Studie wird auch gesagt, dass der Unterschied in den neuen Ländern 6% beträgt, in den alten 24%.

    Damit ist klar: Jede dirigistische Maßnahme, die 23% auf Null zu drücken, würde im Osten dazu führen, dass dort Frauen 17% mehr als Männer verdienen. Damit ist schon mal klar, dass dirigistische Maßnahmen Unsinn sind, also auch der größte Teil der Diskussion hier einfach nur Bullshit-Bingo darstellt.

    Denn es ist wohl klar, dass 18% des Unterschieds in den alten Ländern am Verhalten, und nicht an Gesetzen oder Tarifverträgen liegen.

    Wer das Verhalten der Bevölkerung und Wählerschaft ändern will, möge bitte ganz klar sagen, durch welche Maßnahmen mit welchem Ziel dies geschehen soll. Denn eins ist doch klar: Es müssen Maßnahmen gegen das aktuelle Verhalten von Frauen sein, und da wäre wohl angebracht, die mal zu fragen, ob die das auch wollen.

    Ferner muss natürlich auch im Zusammenhang mit diesem Thema diese Studie einbezogen werden, da sich diese wirklich auf die Gesetzgebung bezieht:
    Rollenleitbilder im Familien- und Sozialrecht im europäischen Vergleich
    http://www.bmfsfj.de/RedaktionBMFSFJ/Broschuerenstelle/Pdf-Anlagen/villa-vigoni-rollenleitbilder-im-familien-und-sozialrecht-forschungsband,property=pdf,bereich=bmfsfj,rwb=true.pdf

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  3. Nick10. Mai 2010

    Es ist lobend zu erwähnen, dass hier mal die „23%“ differenzierter mal einem differenzierteren Blick unterzogen werden.

    Da von benachteiligenden Strukturen die Rede ist, stellt sich die Frage warum das Kriterium der Betroffendheit von den benachteiligenden Stukturen nicht für positive Diskriminierung maßgeblich ist.

    Konkret: Warum wird die Kinderlose aus gut betuchtem Hause gegenüber dem alleinerziehenden Arbeitersohn, dem die erworbene Qualifikation nicht in die Wiege gelegt wurde, bevorzugt?

    Ist man in der GRÜNEN Partei tatsächlich der Auffasssung, das sei ein Beitrag zur Chancengleichheit und zur Entkategorisierung von Geschlecht?

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  4. Rüdiger11. Mai 2010

    „Vielmehr spielen Stereotype (Mann verdient das Geld, Frau arbeitet nur nebenbei und erzieht die Kinder) und beispielsweise die verfügbare Infrastruktur in der Kinderbetreuung hierbei eine große Rolle“

    Herr, lass Hirn regnen!
    Wenn die Infrastruktur in der Kinderbetreuung zu einem geschlechtlich unterschiedlichen Verhalten führt, dann ist doch die gedachte Mutter-Kind-Einheit der Grund, also das Grüne!!! Gender- Geschlechtsstereotyp, das beibehalten werden soll, und dessen Wirkung nur abgefedert werden soll.

    Und: Wenn das Gender-Pay-Gap wirklich jemanden interessieren würde, wieso laufen dann nicht scharenweise die Frauen in den Osten mit niedrigem Lohngefälle?

    Tatsächlich ist im Osten absoluter Mangel an U-50-Frauen, weil die alle im Westen, also bei Eurem statistischen 26%Lohngefälle sind, während die Männer eher da bleiben.

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  5. Till Westermayer11. Mai 2010

    Liebe Männerrunde, es ist ja schön, dass hier so munter weiterdiskutiert wird. Eigentlich. Wenn ich dann aber lese, wie hier mit bewussten Unterstellungen, Fehlinterpretationen und Missverständnissen um sich geworfen wird, vergeht mir dann doch die Lust, da weiter mitzudiskutieren.

    Ein interessantes Beispiel ist der Fehlschluss zwischen strukturellen Ungleichheiten (z.B. dem gender-pay-gap) und individuellen Verhalten (z.B. der individuellen Mobilität zwischen Ost und West). Ein anderes interessantes Beispiel ist die Vorstellung, dass Grüne in Mutter-Kind-Einheiten denken – auf die Idee kann doch nur kommen, wer bei Kinderbetreuung automatisch an arbeitende Mütter denkt – und nicht daran, dass kinderbetreuende arbeitende Väter sowas auch brauchen. Um nur zwei Beispiele aus dem letzten Posting zu nennen.

    Also, etwas mehr Hirn und etwas weniger Vorurteile bitte. Danke!

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  6. Nick12. Mai 2010

    Naja, ich sehe den Fehlschluß eher darin dass vom Gender Pay Gap a priori auf eine Gerechtigkeitslücke geschlossen wird.
    Diese Zahl sagt wenig bis gar nichts zur Gerechtigkeit von Geschlechterverhältnissen. Als eine kurzfristige Optimierung des Lohnes das einzige Kiterium wäre, das für Arbeitsmarktteilnehmer relevant wäre. Ökonomisch interessanter wäre eine Kosten/Nutzen Analyse.

    Qualifikationsaufwand, Sicherheit vor Kündigungen, gesundheitliche Risiken, Stress, Arbeitsumgebung und natülich auch Statusgewinn und geistige Herausforderung wären z.B Punkte, die mitbewertet werden müssten, will man erklären warum Gruppen von Menschen bestimmte Berufe wählen.

    Weiterhin wäre imho das tatsächlich verfügbare Einkommen für die Beurteilung von Geschlechtergerechtigkeit und der Beharrungkräfte maßgeblicher.

    Auch ich halte es für Sinnvoll, familiengerechte Abeitsbedingungen zu schaffen und eine höhere Arbeitsmarktpartizipation – horizontal und vertikal – von Frauen anzustreben. Nur wird man dabei nicht allzu weit kommen, wenn man die Motive der Arbeitsmarktsubjekte nur unter dem Paradigma „Benachteiligung von Frauen“ betrachtet. Das Pay-Gap Argument ist imho dabei ein Zirkelschluß.

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  7. Nick12. Mai 2010

    Zu Friederike Maier: Dass (alle) Frauen Karriere machen wollen halte ich für verkürzt. Man erkennt ja Schwächen oft an solchen Formulierungen wie „längst erwiesen“.

    Die Frage ist doch eher, welchen „Preis“ Frauen bereit sind für eine Karriere zu zahlen. Da gibt es eben imho große Unterschiede zu Männern.

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  8. Till Westermayer12. Mai 2010

    Die Frage ist doch eher, welchen „Preis“ Frauen bereit sind für eine Karriere zu zahlen. Da gibt es eben imho große Unterschiede zu Männern.

    Vordergründig ja. Einen Schritt weitergedacht, stellt sich die Frage, ob das am Geschlecht (im biologischen Sinne) liegt – oder an den gesellschaftlichen Erwartungen, Rollen und Zuweisungen. Aus meiner Sicht ganz klar letzteres – in einer Welt, in der es keine unterschiedlichen Erwartungen an biologische Frauen und Männer geben würde, wären IMHO die Karrierewünsche sehr ähnlich. Verglichen damit ist die jetzige Situation eine, in der individuelle Chancen qua Geschlecht reduziert werden – und der gender pay gap ist nicht mehr (aber auch nicht weniger) als ein Indikator dafür, dass die jetzige Situation eben nicht gerecht ist.

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  9. Nick12. Mai 2010

    Hmm. In einer geschlechterlosen Welt gäbe es keine Geschlechtersegregation bei der Berufswahl. Und wie schließen Sie daraus auf reduzierte individuelle Chancen?

    Mein Eindruck ist ja eher, dass die meisten Frauen zufrieden mit ihrer individuellen Work-Life Balance sind, wobei das Spektrum dabei von der Hausfrau bis zur „Karrierefrau“ reicht.
    Solange Frauen die individuelle Chance haben, den „Hausfrauenberuf“ mit Teilzeit zu wählen, weden wir einen Gender-Pay-Gap haben. Die Wahrscheinlichkeit, dass Männer im gleichen Maße die individuelle Chance haben werden, den „Hausmannberuf“ mit Teilzeit zu wählen ist ja eher unrealistisch (fragen Sie mal Frauen was die davon halten)

    Also muss den Frauen diese Wahlmöglichkeit genommen werden, oder sehen Sie einen anderen Weg?

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  10. Till Westermayer12. Mai 2010

    Mein Eindruck ist der, dass die meisten Menschen unzufrieden mit ihrer Work-Life-Balance sind. Die einen fühlen sich überarbeitet, leiden unter Burn-out und Zeitnot – die anderen haben sich irgendwie abgefunden. Zufrieden sind sie nicht. Wahrscheinlich kenne ich andere Frauen und Männer als Sie. Auch hinsichtlich der Wünschbarkeit einer männlichen Beteiligung an z.B. der Kinderbetreuung.

    Was ich fordere, ist nicht, Frauen die Wahlmöglichkeit (zwischen Kind und Karriere!) zu nehmen, sondern allen Menschen die Möglichkeit zu geben, beides zu vereinbaren. Das klappt aber nicht mit einer auf 40-50-Stunden-Wochen angelegten Erwerbsarbeitsgesellschaft, nicht mit einer Kinderbetreuungsinfrastruktur, die von Vollzeitmüttern (oder vielleicht noch „Teilzeitmüttern“ oder „Teilzeitvätern“ ausgeht), und und und. Anders gesagt: ich möchte die gesellschaftlichen Strukturen so ändern, dass die Wahlmöglichkeiten, sein/ihr Leben zu gestalten, für alle Menschen steigen, und nicht mehr (u.a.) vom biologischen Geschlecht abhängen.

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  11. Rüdiger12. Mai 2010

    @Till:
    Erst mal würde ich diskutieren, was Du eigentlich unter „Karriere“ verstehst. Meinst Du damit Spitzenpositionen oberhalb 100Teuro p.a.? Das ist unter 50-60 Stunden pro Woche nicht zu haben. Wegen diesem Preis entscheidet sich auch die Mehrheit der Männer dagegen, nur eine Minderheit dafür. Willst Du also Gleichstellung in der Minderheit Karrieristen und Machtbesessene? Dann muss auch offen genau für diese Minderheit Politik gemacht werden, so als grüne FDP, nur eben auch per Quote: Ganztagskindergärten in Unis, steuerliche Abschreibung und sonstige Förderungen für Tagespflege und Haushaltshilfen – gibt es längst.

    Oder meinst Du damit planbares Berufsleben? Gibt es seit den „Arbeitsmarktreformen“ nur noch im öffentlichen Bereich, also dem Bereich, der in der „Studie“ eben genau ausgenommen ist. Der Bereich wäre aber im Vergleich mit der „freien“ Wirtschaft sehr interessant, weil da ja die Frauenbeauftragten seit Jahren an den Zahlen drehen.

    Und wenn dann ein Kind da ist, wieso ist die Frage: „Kind oder Karriere“ für die Frau, und nicht: „Kümmert sich eher Vater oder Mutter um das/die Kind/er?“ Das überwiegend gewünschte Modell ist Teilzeit/Vollzeit oder beide mit reduzierter Stundenzahl.
    Haben grün mitregierte Bundesländer die 35h Woche in der Verwaltung? Pustekuchen!

    Die Mehrheit der Eltern will ihre Kinder selbst erziehen. Dass Menschen erst durch ihre Kinder wirklich erwachsen werden, ist ja wohl nicht neu.

    Das Problem für viele Männer ist einfach, dass „Kind oder Erwerbsarbeit“ eben auf der Seite „Kind“ begrenzt ist, und zwar durch „Frauenpolitik“, und dass die Grünen wie auch Du hier ihre Beteiligung daran verneinen.

    Dass Du schreibst, dass Frauen sich eher für schlechter bezahlte Stellen entscheiden, was an der mangelnden Infrastruktur in Kinderbetreuung liegt, ist eben eine Festschreibung der Rollen in den Familien durch Dich.
    Wer sagt: Ausbau der Ganztagsbetreuung ist Frauenpolitik, schreibt Geschlechtsrollen fest, und lockert sie genau nicht.

    Wenn Du vorhast, „allen Menschen die Möglichkeit zu geben, beides zu vereinbaren“, solltest Du es dort tun, wo Politik direkten Zugriff hat: In der Gesetzgebung und im behördlichen Verhalten zu Sozial- und Familienrecht. Denn der Osten mit seiner schon recht guten Gleichstellung im Berufsleben zeigt doch, wo die Ungleichstellung „beides zu vereinbaren“ liegt.

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  12. Till Westermayer12. Mai 2010

    @Rüdiger: schwierige Mischung aus durchaus richtigen Argumenten und seltsamen Unterstellungen.

    Mit Karriere meine ich auch Leitungspositionen, oder die Option darauf – ich sehe nicht ein, dass die nur mit 50-60 h pro Woche „erringbar“ sein sollen. Ein planbares Berufsleben – das meine ich mit dem Begriff „Karriere“ nicht (nebenbei: auch bei öffentlichen Arbeitgebern ist das längst nicht mehr gegeben). Ich meine damit aber auch, dass es möglich sein muss, beruflichen Erfolg zu haben, ohne sich gegen die aktive Mitarbeit an der Kinderbetreuung entscheiden zu müssen. Ganz allgemein und unabhängig von Lohnklassen.

    Du sprichst den Punkt Zeitpolitik an, und dass auch rot-grün regierte Länder keine 30- oder 35-Stunden-Woche haben. Ja, stimmt, ja, ist ein großes Problem – und lässt sich leider kaum im einzelnen Bundesland und für eine einzelne Branche lösen. Und Gewerkschaften haben den Kampf wohl derzeit auch wieder aufgegeben. (Und dann ist da ja auch noch die Frage „Arbeitszeitverkürzung mit oder ohne Lohnausgleich“, die im Raum steht …).

    Aber: letztlich halte ich das nach wie vor für ein wichtiges politisches Ziel. Und ja, auch in der Gesetzgebung. (BTW: das grüne Männermanifest ist vermutlich bekannt, oder?)

    So, damit komme ich von den Gemeinsamkeiten zu den Unterstellungen.

    Das Problem für viele Männer ist einfach, dass „Kind oder Erwerbsarbeit“ eben auf der Seite „Kind“ begrenzt ist, und zwar durch „Frauenpolitik“, und dass die Grünen wie auch Du hier ihre Beteiligung daran verneinen.

    Dass Du schreibst, dass Frauen sich eher für schlechter bezahlte Stellen entscheiden, was an der mangelnden Infrastruktur in Kinderbetreuung liegt, ist eben eine Festschreibung der Rollen in den Familien durch Dich.
    Wer sagt: Ausbau der Ganztagsbetreuung ist Frauenpolitik, schreibt Geschlechtsrollen fest, und lockert sie genau nicht.

    Was genau soll denn bitte diese ominöse grüne Frauenpolitik sein? Dass Frauenfördermaßnahmen als Nebeneffekt zu Festschreibungen von Geschlechterrollen führen können, ist mir durchaus bekannt. Aber gerade beim Ausbau der Kinderbetreuungsinfrastruktur scheint mir der Vorwurf doch arg aus der Luft gegriffen.

    Natürlich ist es „Frauenpolitik“, wenn die Kinderbetreuungsinfrastruktur so verbessert wird, dass Frauen, die in der traditionellen (und empirisch eben mehrheitlich anzutreffenden) Rollenteilung leben, damit die Möglichkeit bekommen, Kind und Karriere zu vereinbaren. Es ist aber – und da liegt mein großer Widerspruch zur These, dass hier Rollen festgeschrieben werden – gleichzeitig eine Chance für alle Männer, die bisher sagen, ich kann Kind und Beruf nicht vereinbaren, weil ich z.B. Vollzeit arbeiten muss. Und damit sehe ich in einem Ausbau der Infrastruktur (natürlich nicht als alleiniger Maßnahme) eine Chance dafür, genau diese klassischen Rollenverteilung aufzulösen – und damit Frauen wie Männern mehr Wahlfreiheit zu geben.

    Ein Ausbau der Ganztagesbetreuung und überhaupt der Betreuungseinrichtungen (auch für Kinder unter 3 Jahren) ist damit Männer- wie Frauenpolitik gleichermaßen. Und eben gerade keine Festschreibung von Geschlechterrollen.

    Noch ein letzter Satz: der gender pay gap ist nicht das Ergebnis einer einzigen Studie, sondern immer wieder in ganz unterschiedlichen Erhebungen festgestellt – je nach Rechenmodell und Vorannahmen kommen da dann auch andere Sätze als die viel zitierten 23% Differenz heraus. Dass ein gender pay gap besteht, ist aber unstrittig.

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  13. Nick12. Mai 2010

    „Anders gesagt: ich möchte die gesellschaftlichen Strukturen so ändern, dass die Wahlmöglichkeiten, sein/ihr Leben zu gestalten, für alle Menschen steigen, und nicht mehr (u.a.) vom biologischen Geschlecht abhängen.“

    Da gehe ich ja auch insofern mit dass Familienfreundliche Arbeitsplätze (Teilzeit, Kinderbetreuung etc) zu schaffen sind, d.h. die Rahmenbedingungen die eine Entscheidungsfreiheit ermöglichen.
    Nur wird in einer Marktwirtschaft immer der oder diejenige, der keine Kinder zu betreuen hat sich beruflich mehr engagieren können, was letztendlich immer zu einem „Pay Gap“ und einer Ungleichverteilung in den Führungsetagen führen wird.

    Dashalb ist es imho falsch, von einer statistischen Ungleichverteilung auf eine eingeschränkte Entscheidungsfreiheit zu schließen.

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  14. Till Westermayer13. Mai 2010

    @Nick: mache ich ja auch nur in dem Zusammenhang, dass dieser pay gap eben am Geschlecht hängt – und nicht ein „single vs. family pay gap“ ist oder so. Auch der wäre ungerecht, aber doch eher begründet.

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  15. Nick14. Mai 2010

    „Auch der wäre ungerecht, aber doch eher begründet.“
    Begründet ist doch der gender-pay-gap ebenso, insoweit er auf einen Zusammenhang zwischen beruflicher Leistung und Bezahlung beruht.
    Das Grundproblem ist doch in beiden Fällen das Gleiche: Kinder haben zwar einen längerfristigen gesellschaftlichen, aber keinen direkt kapitalisierbaren Wert.
    Deshalb versucht man seit jeher einen Ausgleich in Form von Transfers (Kindergeld, Elterngeld, Betreuungsunterhalt etc.) zu schaffen.
    Wenn sich mehr Frauen als Männer mit diesen Transfers zufriedengeben, dann haben Sie einen Gender-Pay Gap, je höher die Transfers ausfallen umso eher.
    Denken Sie nur an die Situation vieler „Abgehängter“, dort ist der Mutterstatus eine Möglichkeit für ein -zwar geringes, aber in Anbetracht der Alternativen relativ gutes – Einkommen und gesellschaftliche Anerkennung. „Abgehängte“ Männer haben, auch aufgrund des durch GRÜN mitgetragenen Europweit einmalig reaktionären Familienrechtes, diese Möglichkeit nicht.
    Weiterhin haben sie immer einen Teil der Gesellschaft, der sich in den traditionellen Rollen pudelwohl fühlt. Es gibt ja diverse Regelungen, die den Frauen in dem Fall einen finanziellen Ausgleich garantieren. Warum sollten diese sich also benachteiligt fühlen und eine Änderung anstreben?
    Denken Sie auch an die Krankenschwester, die sich einen Chefarzt „angelt“: Ihr sozialer Status erfährt durch die traditionelle Rollenteilung eine enorme Aufwertung. Sicher ist sie von ihrem Mann abhängig, aber sie hätte anders kaum eine Chance auf diesen Status. Sie wird diesen tendenziell eher nicht aufgeben, und sich allenfalls einen Job suchen der eher der Selbstverwirklichung als dem Gelderwerb dient. Und schon haben Sie einen Gender-Pay-Gap.
    Um den Gender-Pay-Gap völlig zu beseitigen, müssten Sie nicht nur den Männern, sondern auch den Frauen systematisch die Vorteile der Traditionellen Rollenteilung nehmen. Und dann wird immer noch ein Rest bleiben der die traditionelle Rollenteilung bevorzugt, hier müssten Sie schon zu strafrechtlichen Maßnahmen greifen.
    Der Gender-Pay-Gap besagt doch nur, dass wir nicht in einer geschlechterlosen Gesellschaft leben. Über Einkommen, Status Gewinn/Verlust oder Entscheidungsfreiheit sagt er doch nichts aus.

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  16. Nick14. Mai 2010

    Oder anders: Man müsste einen Indikator finden, der über die – ich sag mal: „Gender – Mobilität“ von Individuen Auskunft gibt. Sozialer Status und Lohn sind ja nur schwach verknüpft, da darüber hinaus Transfers zwischen Männern und Frauen stattfinden und das gesellschaftliche Prestige je nach geschlecht an verschiedenen Kriterien festgemacht wird. Man kann Äpfel und Birnen auch dann nicht vergleichen, wenn man davon ausgeht dass der Unterschied zwischen Äpfeln und Birnen sozial konstruiert ist :)

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  17. Rüdiger14. Mai 2010

    Noch mal zu dem Ganztagskindergärten als Strategie zur Erreichung von Lohngleichheit.

    @Till: „der „gender pay gap“ ist ein deutlicher Indikator für bestehende Ungleichheiten und große Baustellen für ein emanzipatorisch-feministisches Programm.“

    „Natürlich ist es „Frauenpolitik“, wenn die Kinderbetreuungsinfrastruktur so verbessert wird, dass Frauen, die in der traditionellen (und empirisch eben mehrheitlich anzutreffenden) Rollenteilung leben, damit die Möglichkeit bekommen, Kind und Karriere zu vereinbaren. Es ist aber – und da liegt mein großer Widerspruch zur These, dass hier Rollen festgeschrieben werden – gleichzeitig eine Chance für alle Männer, die bisher sagen, ich kann Kind und Beruf nicht vereinbaren, weil ich z.B. Vollzeit arbeiten muss.“

    Also ist doch die erste konkrete Forderung: Gesetzlich verbrieftes Recht auf Teilzeitarbeit für alle Eltern unabhängig davon, wo der Lebensmittelpunkt des Kindes ist.
    Teil 1 ist Frauenpolitik, gibt es schon. Teil 2 wäre Väterpolitik, gibt es nicht, und deshalb gibt es ein geschlechtlich unterschiedliches Risiko für Personaler, also das Pay-Gap.

    Und: Demnach müsste ja im Osten, wo es schon seit 60 Jahren weit ausgebaute Ganztagsbetreuung gibt, die Rollenverteilung fast völlig abgebaut sein. Ist sie aber nicht. Ganz im Gegenteil ist für eine West-Femmi schlimmste Gegnerin eine Ost-Femmi, und nicht ein Mann!

    Es gibt dort aber das allgemeine Verhalten, dass Männer und Frauen finanziell unabhängig sind – und deshalb auch die ganzen geschlechtlich unterschiedlich wirksamen Sozial-Regeln nicht nachvollziehbar sind, und im Osten nicht wirklich unterstützt werden.

    Woher kommt das?
    Hat Stalin, nachdem er sich brüstete, beim Vorrücken habe die rote Armee 2 Millionen Kinder in Vergewaltigungen gezeugt, dann Ulbricht als Chef der späteren DDR eingesetzt, weil der so ein Super Feminist war?
    Wohl kaum. Es wurde einfach jede Arbeitskraft gebraucht, deshalb Ganztagsplätze eingerichtet, und wegen der gleichgestellten „Alle-Beschäftigung“ waren automatisch alle finanziell unabhängig. Nach 2 Generationen hat sich das Verhalten eingeschliffen.

    Im Westen heute sieht es aber anders aus: Von Vollbeschäftigung keine Spur. Für Viele ist Erwerbsarbeit noch nicht mal mehr eine ökonomische Perspektive, sondern die liegt ausschließlich im Sozialrecht, weil die Löhne – ziemlich gleichgestellt – nicht ausreichen.
    40% aller Eltern sind auf Existenzminimum – unabhängig vom erreichten Stundenlohn.

    In dieser Situation Ganztagskindergärten auszubauen, ist schlichter Wahnsinn, denn damit wird nur der Arbeitsmarkt überschwemmt, und damit Wirtschaftsinteressen nach noch tieferen Löhnen bedient.

    Vom Arbeitsmarkt her wäre also das genaue Gegenteil sinnvoll – zusammen mit einem Zugang der Väter zu den Kindern per Teilzeit und Familienrecht.

    Ein Argument für die Ganztagsbetreuung gibt es aber doch: Nach 40 Jahren Herumgedoktere an den Bildungseinrichtungen sind 30% der AbgängerInnen nicht mehr ausbildungsfähig: Jungen eher wegen der fachlichen Themen, Mädchen eher wegen mangelnden sozialen Fähigkeiten.
    Die sind nach klassischen Kriterien natürlich auch nicht erziehungsfähig.

    Daher sind die heutigen Ganztagsbetreuungen ab Kreißsaal eher eine Art „Fremdplatzierung light“, und haben mit Erwerbsmöglichkeiten wenig zu tun. Mit Frauenpolitik allerdings schon, denn es sind sehr viele „allein erzogene“ Kinder dabei, deren Mütter nicht oder kaum arbeiten.
    Daher sind die Ganztagsbetreuungen ein Mittel, dass Frauen Kinder „erziehen“ können, und weiter in der althergebrachten Geschlechtsrolle und der daraus resultierenden Finanzierung bleiben können, unabhängig davon, ob sie die pädagogischen Anforderungen erfüllen oder nicht.

    Worüber leider kaum diskutiert wird:
    Eine Geschlechtsrolle ist und war immer eine gesellschaftsweit gültige Anforderung, nicht eine Beschreibung des So-Seins von Frauen und Männern.
    Frauen und Männer werden aber nicht frei, weil die Frauen-Rolle wegrationalisiert und verstaatlicht wird.

    „Dass ein gender pay gap besteht, ist aber unstrittig.“
    Mag sein, aber gegen das „gender education time gap“ oder ein überwiegend von Behörden und SozialpädagogInnen hergestellten „Gender – Lebensmittelpunkt der Kinder – gap“ sind das Peanuts.
    Übrigens ähnliches in der Migranten-Förderung und diversen anderen spezifisch Grünen Behörden-Themen.

    Aber da haben die Sozialpädagogen ja auch noch Argumente: Da Väter in der Historie gelernt haben, mit Kindern effektiver zu kommunizieren, und ihre Zeit sehr intensiv nutzen, brauchen sie auch nicht so viel Zeit mit den Kindern.
    Ist jedenfalls Standard-Argument in der Väterberatung bei Trennungen.

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