Die Grünen werden 30 Jahre alt (eigentlich erstaunlich: um das 25. wurde gewirbelt, der 30. fällt bescheiden aus). Die damalige „Sonstige politische Vereinigung“ war durch Heterogenität gekennzeichnet: von den K-Gruppen bis zu Öko-Konservativen. Ganz so ist es heute nicht mehr. Doch z.B. die Gretchenfrage – wie hältst du’s mit der Religion? – spaltet weiter die Geister.
Der grüne Fraktionsvorsitzende Winfried Kretschmann etwa sieht sich in einem Interview als bekennender Katholik auf recht einsamen Posten: „So bemühe ich mich, zum Beispiel im säkularen Milieu der Grünen, deutlich zu machen, dass die Kirche sich geändert hat und heute einer der Vorkämpfer für Frieden, Demokratie und Menschenrechte ist.“ Gerade in Baden-Württemberg kommen allerdings recht viele Grüne aus engagierten Kirchenkreisen. Es gibt rührige Landes- und Bundes-arbeitsgemeinschaften der „Christen bei den Grünen“ (eine Atheismus-AG dagegen nicht). Auf der anderen Seite stehen Persönlichkeiten wie Claudia Roth und Volker Beck, deretwegen katholische Bischöfe Grüne schon einmal „unwählbar“ nennen. Entsprechend heterogen die Programmatik. Gerade in Forschungsfragen werden gerne „ethische“ Werte bemüht. „Kopftuchstreit“ und Kruzifix-Beschluss sind weitere Beispiele für Debatten um Kirche und Staat.
Damit schließlich zum Atheismus: ich bin mir gar nicht sicher, ob die Mehrheit der Grünen der atheistischen Buskampagne Wohlwollen entgegenbringt – ein Werbeverbot wie das der BVG würde aber wohl abgelehnt.
Tags:Atheismus, Buskampagne, Claudia Roth, Forschungspolitik, Kirche und Staat, kopftuchstreit, kruzifix, Religion, Volker Beck, Winfried KretschmannHier ist die TrackBack URL und der Kommentar-Feed des Artikels. Du kannst den Artikel auch auf Twitter oder Facebook posten.









Ich persönlich finde die „Buskampagne“ unmöglich. Was da als so aufklärerisch verkauft wird, ist in Wahrheit auch nichts anderes als ein Glaube, nämlich eine Form des radikalen Unglaubens. Und den lehne ich genauso ab, wie radikale Glaubenspositionen jeglicher Couleur.
Die Buskampagne will erreichen, daß, Zitat, „Nicht-Religiöse, Agnostiker und Atheisten […] wahrnehmen können, dass sie nicht alleine sind. Sie sollen mutiger werden, sich gegen religiösen Hochmut zur Wehr zu setzen und sich in die öffentlichen Debatten einzumischen.“. Dieses Ziel finde ich ja durchaus unterstützenswert, auch wenn ich mich frage, ob das emanzipierte Atheisten nicht auch alleine schaffen. Aber wird die Buskampagne mit Ihrem Auftreten denn auch ihren Zielen gerecht? Mitnichten! Stattdessen gibt sie sich genauso missionarisch und arrogant wie verbohrte Gläubige. Fatalerweise tut sie das jedoch unter dem Deckmäntelchen der Aufklärung, obwohl sie selbst nur Glaubensdogmen verbreitet, die alles andere als aufklärerisch sind. Aussagen wie „Es gibt (mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit) keinen Gott“ sind wissenschaftlich nicht überprüfbar, haben also mit Aufklärung streng genommen nicht viel zu tun und sind m. E. somit auch nichts anderes als ein (Un)Glaube. Die Aussage „Ein erfülltes Leben braucht keinen Glauben“ ist religionspsychologisch sogar widerlegbar. Für viele Menschen erfüllt der Glaube eine wichtige Funktion: Er gibt Ihnen Halt und Kraft in Krisen. Das sollte man respektieren, anstatt es durch solche Aussagen abzuwerten, genauso wie man es respektieren sollten, daß andere Menschen andere Wege gefunden haben, um mit Krisen umzugehen.
Bei der Frage, ob die Grünen dieser Kampagne Wohlwollen entgegen bringen, kann ich nur für mich selbst sprechen. Ich finde, daß die Buskampagne sich nicht mit dem grünen Selbstverständnis verträgt, das vom Streben nach Vielfalt und von Toleranz gegenüber anderen geprägt ist. Ich persönlich wünsche mir eine grüne Partei und eine Gesellschaft, in der Gläubige, Atheisten, Agnostiker friedlich miteinander leben und einander respektieren. In der Partei klappt das doch eigentlich ganz gut. Wir sollten lieber versuchen, das auch in die Gesellschaft tragen, anstatt diese Buskampagne zu unterstützen. Denn die ist für mich vor allem durch zwei Merkmale geprägt: Intoleranz und Respektlosigkeit gegenüber (Anders)Gläubigen. Grüne Werte sehen anders aus
Da kann ich Alex Schestag nur beipflichten. Nirgendwo wird zur Zeit so penetrant missioniert als durch Agnostiker und Atheisten. Ursprünglich und ein Fundament der Grünen ist es, säkular zu sein. Da kann kein Platz sein für einen Atheismusglauben oder Agnostizismus. Wenn ich das schon lese:“Es gibt (mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit) ..“ ist das Geblubber doch schon entlarvt, denn es anerkennt, kein Axiom zu sein. aus Sicht der Empirie sind etwa ein Drittel der Menschen Christen, ein Drittel Muslime und ein weiteres Drittel Hindus oder Buddhisten. Der Unglaube hat als Weltreligion keine Bedeutung. Die Mehrheit glaubt an einen unsichtbaren Gott, der sich unsichtbar, wie er nun einmal ist, schwer beweisen lässt. Da sie jedoch in der Minderheit sind, wäre es an den Gottesgegnern die Nichtexistenz von Gott zu beweisen.
Das Thema hat jedoch einen aktuellen Bezug. Denn die Protestanten treten in Scharen aus der Kirche aus, um dann Hochzeit, Taufe, Konfirmation (mit Geschenken), Begräbnis und Trauerarbeit doch vom Pfarrer durchführen zu lassen. Die Katholiken sind da anders. Wer erst einmal ausgetreten ist muss sich vor sich und den anderen rechtfertigen und seinen Unglauben beweisen und weiter verbreiten. Da Baden-Würtemberg zu großen Teilen katholisch ist, wird nur die Auseinandersetzung zwischen Katholiken und Ex-Katholiken gesehen, andere Gläubige werden ignoriert. Auch die Medien ob nun Anne Will, Beckmann, Harald Schmidt, Maybrit Illner oder Sandra Maischberger, es gibt nur den Glauben Roms oder gar keinen. Angesichts der Pius-Bruderschaft hat das natürlich etwas pikantes. Angesichts der Evangelischen-Kirchentage, die viel zur Gründung der Grünen beigetragen haben auch. Zumindest von dieser albernen Buskampagne sollten sich die Grünen distanzieren. Das Geld und die Macht stecken längst anderswo. Wer gegen den Stachel löcken möchte, sollte dies gegen diejenigen tun, die für die Finanzkrise verantwortlich sind. Weder Morgan Stanley noch Goldman Sachs oder gar Citigroup oder Merrill Lynch sind mir je als besonders gläubig aufgefallen. Caritas und die Suppenküche vor Ort schon. Wir sollten danach entscheiden wer, wie und wo nachhaltig ist.
Nur mal so zwischenrein bemerkt: ich verstehe das „(mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit)“ als britischen Humor. So eine Mischung aus Understatement und Arroganz.
Das mit dem „britischen Humor“ mag ja angehen, doch diese Atheismus-Clique geht mir so was auf den Senkel. Sollen die doch zu Die Linke gehen. Dort ist die Humanismus-Union bereits aktiv und jeder alte SEDler wird dich von den Vorteilen einer Welt ohne Gott zu überzeugen versuchen. Dann schon lieber die Leute von Thor und Odin aus dem Rechten Lager. Die nehmen das mit ihrer Germanreligion zumindest heute noch nicht so ernst. Wem einmal das Ohr abgelabert wurde von diesen Neu-Heiden, der braucht erst einmal etwas Erholung.
Ich finde schon, dass man der Buskampagne Wohlwollen entgegen bringen kann. Denn es braucht meines Erachtens schon eine breite gesellschaftliche Debatte über die Rolle der Kirchen. Da ist einerseits die nicht vollendete Trennung von Staat und Kirche – für viel Geld treibt der Staat für die Kirchen die Mitgliedsbeiträge ein. Kirchen haben Zugriff auf Alte und Kinder, dadurch mittelbar auf alle Gesellschaftsschichten. Sie werben präsent durch Kindergärten und im Januar drüfen sie, vom Staat unterstützt, an jeder Haustür für Spendengelder werden, was sich dann „hl. 3 Könige“ nennt. Offen werden sie dort Gelder für Missionen ein.
Sie drängen im sozialen Sektor massiv auf zunehmende Kompetenzen und bieten sich als „Outsourcer“ für die eigentliche staatliche Aufgabe Sozialarbeit an. Nur mühevoll kann das auf lokaler Ebene verhindert werden, oftmals gelingt das nicht.
Kreationisten versuchen, in den Schulen die Evolutionstheorie zu verdrängen.
Die Kirchen haben im Antidiskriminierungsgesetz druchgesetzt, dass sie weiterhin Bewerber wegen ihrer Weltanschauung diskriminieren dürfen – wer in keiner Kirche ist, bekommt keinen der Jobs, den sie anbieten. Betrachtet man dann die Breite, in der sie im sozialen Sektor präsent sind, ahnt man schon, dass das eine Gelddruckmaschine ist – denn ein Verbleiben oder ein Eintritt in die Kirche ist für viele sicherlich die einzige Möglichkeit, an manche Jobs überhaupt zu kommen. Dabei werden ihnen die Mitgliedsbeiträge nicht ersetzt.
Und, nach wie vor hat bspw. die katholische Kirche keinerlei Respekt vor anderen Religionen. So kann man heute in der Presse nachlesen:
„Papst Benedikt XVI. hat am Samstag in Angola zur weiteren Missionierung des afrikanischen Kontinents aufgerufen. Auch fünf Jahrhunderte nach dem Beginn der Evangelisierung Angolas seien viele Menschen orientierungslos oder glaubten sich von unheilvollen Geistern und Mächten bedroht, sagte der Papst in einer Messe vor Bischöfen, Priestern und Ordensleuten in der Chiesa São Paulo der Hauptstadt Luanda.“.
Mission – eine der dunkelsten Kapitel der katholischen Kirche, nach wie vor gerne praktiziert.
Ob es einen Gott gibt? Ich glaube: nein. Die Kirche kann sich gerne mit anderen Anbietern auf dem freien Markt der Weltanschauugnen um Mitglieder bewerben. Ansonsten ist ihre Rolle so diffus, mit Missbrauch, Gewalt, Veruntreuung, Diffamierung verbunden, dass es Zeit wird, ihre exklusive Rolle zu beenden. Wenn es dazu einer Buskampagne bedarf – gerne.
Ich bin ja schon beeindruckt von der Debatte, die der Beitrag hier und auch auf Twitter/Facebook ausgelöst hat. Scheint tatsächlich ein latentes Konfliktthema zu sein, die Haltung der Grünen zu Atheismus bzw. den zu den Kirchen und Religionsgemeinschaften.
@Moritz Darge Vorsicht, nicht jeder neuheidnische Glaube ist rechtsradikal angehaucht, und nicht jeder, der an germanische Gottheiten glaubt, ist ein Rechtsradikaler. Zwar finden sich die germanische Symbolik und Glaubensinhalte in der rechten Szene recht häufig, aber der Umkehrschluß, alle, die daran glauben, seien rechts, ist deswegen noch nicht richtig. Viele Neuheiden, die ich kenne, sind eher politisch desinteressiert oder sogar links. Mit solchen Pauschalisierungen sollte man auch vorsichtig sein.